Über die Fallen der Objektivität
Isaias Costa, Juni 2015
Kritischer Kommentar zu einem Artikel von I. Fennes
In der ersten Fußnote zu ihrem Artikel über Spiritualität in der Zeitschrift Person (Fennes, I.: „Der Spiritualität unserer Klientinnen begegnen…“ in Person, 2 (2013) S. 100) schreibt sie: „Um umständliche Wiederholungen (Psychotherapeutin und Psychotherapeutinnen (sic!)) wähle ich nach dem Zufallsprinzip einmal die weibliche und einmal die männliche Form.“
Das mag auf den ersten Blick eine gute Möglichkeit sein, eine neutrale und objektive Sprache zu garantieren. Diese Idee hat noch den Vorteil, Wiederholungen zu vermeiden und macht den Text leichter lesbar.
Doch eine schnelle statistische Betrachtung des Textes bringt ein anderes Bild zum Vorschein.
Erstens hat die Autorin kein Zufallsprinzip verwendet. Wäre es so, würde die Anzahl der weiblichen Form 50% betragen. Eine Nachzählung zeigt einfach: Bei 140 Fällen wird 81 Mal die weibliche Form gewählt. Das sind 58%.
Ich fühle mich als Leser irritiert. Warum kündigt sie etwas an und tut Anderes?
Ein völlig anderes Bild ergibt sich aber, wenn wir nicht nur die weibliche oder männliche Form berücksichtigen, sondern auch die "Machtverhältnisse":
- in 27% der Fälle wird die männliche Form für eine überlegene Rolle (z.B. "Therapeut"),
- in 35% der Fälle wird die weibliche Form für eine unterlegene Rolle (z.B. "Klientin"),
- in 23% der Fälle wird die weibliche Form für eine überlegene Rolle, (z.B. "Therapeutin")
- in 15% der Fälle wird die männliche Form für eine unterlegene Rolle (z.B. "Klient") verwendet.
Das heißt, die Autorin reproduziert in 62% der Fälle chauvinistische Rollen. Es gibt in dem Weltbild, das Ihr Artikel transportiert, 19% mehr Therapeuten als Therapeutinnen und mehr als doppel so viel Klientinnen als Klienten (133%).
Mir geht es in diesem Leserbrief auf keinen Fall darum, der Autorin - die ich persönlich kenne und sehr schätze - zu unterstellen, dass sie die Absicht hätte, einen chauvinistischen Artikel zu schreiben.
Viel mehr sehe ich in diesem Artikel ein Lehrbeispiel für die Gefahren, die eine unkritische Haltung gegenüber naturwissenschaftlichen Methoden mit sich bringt. Zu versuchen einen politischen Diskurs (das ist eine genderbewusste Sprache) durch ein vermeintliches neutrales wissenschaftliches Instrument (das Zufallsprinzip) zu ersetzen, ist irreführend. Eine ehrliche Autorin kann sich dadurch selbst ein Eigentor schießen. Berufspolitiker_innen dagegen, nützen es bewusst, um uns zu manipulieren.