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Ist die Aktualisierungstendenz ein Axiom?

Über die Bezugnahme auf die Naturwissenschaften in der Personzentrierten Fachliteratur am Beispiel der Aktualisierungstendenz

Isaias Costa, Dezember 2009


Zusammenfassung
Gegründet auf meiner Erfahrung in der Spitzenforschung in der Physik diskutiere ich Vorgangsweise, Sinn und Wirkungsweise der Bezugnahme auf die Naturwissenschaft in der Personzentrierten Fachliteratur. Hier behandle ich ein Beispiel zur Aktualisierungstendenz aus einem repräsentativen Text aus der Fachliteratur des Ansatzes. Die darunter liegende wissenschaftstheoretische Problematik wird angesprochen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Ist die Aktualisierungstendenz ein Axiom?
  3. Moderne Paradigmen der Physik
  4. Diskussion
    „Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters“

1. Einführung

Ich erlaube mir kurz den Standort, aus dem ich schreibe, zu beleuchten. Ich komme aus einem fernen Land und habe hier mein Zuhause gefunden: Ich war ursprünglich wissenschaftlicher Kosmologe, und arbeitete so in einem der strengsten Bereiche der Naturwissenschaft. Die Kosmologie ist aber zugleich der Bereich der Physik, der der Philosophie, dem humanistischen Wissen am nächsten kommt. Eine der Hauptaufgaben der modernen Kosmologie kann man als den Versuch beschreiben, die Wissenschaft streng wissenschaftlich in Frage zu stellen. Nach vielen Jahren Arbeit in der weltweiten Spitzenforschung habe ich der Physik den Rücken gekehrt und habe 1993 eine Ausbildung in Körperpsychotherapie begonnen. Nach einer weiteren Ausbildung in Integrativer Gestalttherapie (1998) und einer weiteren fachspezifischen Zusatzausbildung bin ich 2010 Personzentrierter Psychotherapeut geworden.
In meinem ersten Kontakt mit der Literatur zum Personzentrierten Ansatz hat mir die Anzahl und die Vielfalt der Schriften, die humanistische Sprache und die Radikalität des Ansatzes stark angesprochen. Mit Begeisterung habe ich viel zu mir genommen, aber dabei waren ein paar Stücke schwer zu schlucken: Ich musste feststellen, dass immer wieder auf die Naturwissenschaft Bezug genommen wird, und dass dieser Bezug leider oft eine Form annimmt, die im klaren Widerspruch zu meiner wissenschaftlichen Vorerfahrung steht.
Ein Beispiel ist folgender Auftrag von Diether Höger aus dem Kapitel „Die Entwicklung des Klientenzentrierten Konzepts", aus „Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch für die Praxis" (Höger 2006a, S. 12, meine Hervorhebung): „Wir sollen bei Begriffsdefinitionen so vorgehen wie die Physik bei der Definition der Kraft F = m . a". Der Auftrag scheint vielleicht auf dem ersten Blick vernünftig und harmlos. Aber aus der Sicht eines Physikers ist er vielmehr aus folgenden Gründen widersinnig und irreführend!
In der Physik werden nämlich Kategorien wie „Definition", „Axiom" und „Satz" streng von einander unterscheidet. Schauen wir uns ein konkretes Beispiel der Geometrie an. Dort gilt:

Definitionen:
Punkt, Gerade, Parallele, Winkel, ...

Axiom:
2 Parallelen kreuzen sich nicht.

Satz:
Die Winkelsumme eines Dreiecks beträgt 180°.

Ich behaupte Högers' Auftrag sei widersinnig, weil „F = m . a" bekanntlich der 2. Satz der Mechanik von Newton ist und daher keine Definition von Kraft. Irreführend ist er, weil er den Anschein erweckt, Begriffsdefinitionen seien in der Physik eine leichte Sache. Vielmehr werden in jedem guten Lehrbuch der Mechanik, zum Beipsiel in Richard Feynmanns „Vorlesungen über Physik" (Feynman et al. 1991, S. 174–190), ganze Kapitel für die Definition der Kraft verwendet. Die dort vorgefundenen Schwierigkeiten was Definitionen betrifft sind sehr ähnlich den Schwierigkeiten, die wir in der Psychotherapie vorfinden. Auf Seite 175 von (Feynman et al. 1991) werden Sie sogar wörtlich lesen: „Wenn Sie auf einer präzisen Definition der Kraft bestehen, werden Sie diese nie erhalten!"
Ich fragte mich daher, wie sollte ich mit dem Auftrag Högers', den ich als einen der klarsten und einflussreichsten Theoretikers des Personzentrierten Ansatzes wertschätze, umgehen?
Der vorliegende Text ist eine Antwort auf diese Frage – ich möchte mit dieser Arbeit meine Erfahrung aus der Physik der Personzentrierten Gemeinschaft zur Verfügung stellen, um zu einem besseren Standard bei der Bezugnahme auf naturwissenschaftliche Ergebnisse zu gelangen.

Ein weiteres Ziel dieser Arbeit ist es, auch anhand von einigen Beispiele darauf hinzuweisen, in welcher Form diese Bezugnahme auf die Naturwissenschaften oft komplexe Sachverhalte der Psychotherapietheorie nur scheinbar auflöst. Ich stelle schließlich die These auf, dass solche Bezugnahmen eines der grundlegendsten Probleme sowohl der Geistes- als auch der Naturwissenschaften verschleiern.
Im Kapitel zwei und drei stelle ich ein paar konkrete Beispiele aus der repräsentativen aktuellen Literatur des Personzentrierten Ansatzes vor. Diese wurden so gewählt, weil sie sich auf Autoren beziehen, dessen Autorität außer Frage steht – ich möchte somit, dass mein Text nicht als destruktive Kritik verstanden wird, sondern dass er als ein konstruktiver Beitrag zu Erhöhung der Qualität der Literatur dient. Die Beispiele wurden aber auch so gewählt, weil sie nach meiner Einschätzung zum besseren Verständnis einiger Aspekte der Aktualisierungstendenz und der Selbstorganisation beitragen können.
Im vierten Kapitel behandle ich ein paar weitere Beispiele der aktuellen Literatur, die in einer ganz anderen Weise auf die Naturwissenschaft Bezug nehmen. Ich führe schließlich kurz ein, was ich als die Grundlage für die Schwierigkeiten bei der Bezugnahme auf die Naturwissenschaften sehe und deutet in die Richtung, wie nach meinem Wunsch weiter geforscht werden könnte.

2. Ist die Aktualisierungstendenz ein Axiom?

Ein Axiom ist ein Grundsatz einer Theorie, der innerhalb dieses Systems nicht begründet oder deduktiv abgeleitet wird.
Höger schreibt zur Aktualisierungstendenz in „Klientenzentrierte Persönlichkeitstheorie" (Höger 2006b, S. 54, meine Hervorhebung):
„Die Aktualisierungstendenz hat die Bedeutung eines Axioms. […] Das bedeutet […] nicht, dass ihr die Funktion einer Erklärung zukommen könnte."
Etwas später aber relativiert er es:
Wünschenswert hingegen wäre es, sie als übergreifendes Prinzip in spezifische Einzelhypothesen aufzulösen und diese empirisch zu überprüfen"
Und dann stellt er doch eine Erklärung in Aussicht:
„Selbstorganisation [, wie die Aktualisierungstendenz, ist] in weiten Bereichen der empirisch orientierten Wissenschaft […] Gegenstand intensiver und umfangreicher Forschungsbemühungen".
Also muss man sich fragen: was jetzt? Ist sie ein Axiom oder wird es versucht, sie zu erklären (dies wäre, nach Höger selbst (loc. zit.) ein Zirkelschluss)?

Bevor wir versuchen, diese Fragen zu antworten, schauen wir uns an, welche Rolle Axiome in der Physik spielen. Die Wahl eines Axioms ist dort willkürlich, d.h. niemand würde auf die Idee kommen, es zu erklären. Verschiedene Axiome führen einfach zu verschiedenen Theorien. Wir erinnern uns an das Beispiel der Euklidischen Geometrie, das wir vorhin betrachtet haben. Dort verwenden wir folgende Begriffe:

Definitionen:
Punkt, Gerade, Parallele, Winkel, ...

Axiom:
2 Parallelen kreuzen sich nicht.

Satz:
Die Winkelsumme eines Dreiecks beträgt 180°.

Wir behalten nun die selbe Definitionen:

Definitionen:
Punkt, Gerade, Parallele, Winkel, ...

Verwenden aber ein anderes Axiom:

Axiom:
2 Parallelen kreuzen sich in genau zwei Punkte.

Diese Wahl ist wie gesagt willkürlich, bleibt aber nicht ohne Konsequenzen. Wir bekommen dadurch andere Strukturen, andere Gesetze, zum Beispiel den Satz:

Satz:
Die Winkelsumme eines Dreiecks ist größer oder gleich 180°.

Aber was ist es jetzt für die Winkelsumme richtig? Ist sie größer oder gleich 180° oder ist sie genau gleich 180°?

Die Antwort ist: es hängt davon ab.
In der Ebene gilt die Euklidische Geometrie und sie ist 180°. ABER auf der Oberfläche einer Kugel, gilt die „Sphärische Geometrie" und die Winkelsumme ist tatsächlich größer oder gleich 180° (Das Dreieck im Bild hat 90° + 90° + 70° = 250°).

So weit so gut. Aber wie ist es mit den Parallelen? Ich habe doch immer gehört, sie kreuzen sich nicht. Wie ist es wirklich? Das wiederum ist völlig willkürlich! Wir sind an diese Aussage gewöhnt, weil die darüberliegende Theorie - die Euklidische Geometrie - sehr alt und bekannt ist. Sie wird in der Grundschule unterrichtet und findet in vielen Lebensbereichen Anwendung.
Aber die Anzahl der Punkte, in denen Paralellen sich kreuzen, ist willkürlich. Jede Wahl erzeugt eine andere Struktur. Diese kann angewendet werden, um einen Bereich der Wirklichkeit zu beschreiben, und ist je nach dem mehr oder weniger adäquat.

Bei manchen mathematischen Theorien ist es möglich, eine Struktur in die andere zu überführen. Die zwei-dimensionale sphärische Geometrie kann wie in der Abbildung oben in einer drei-dimensionalen euklidischen Geometrie eingebettet werden. Über diesen Weg kann frau "erklären" - damit meine ich: durch einen Satz nachweisen - "warum" sich die "Parallelen" in zwei Punkten kreuzen. Frau tut es folgenderweise:

Definitionen:
Parallele: Da folgt eine lange Begriffsdefinition, die versucht zu erklären, was damit gemeint ist. WIr verzichten hier darauf und verwenden den gewöhnlichen Begriff.
Großkreise: auch hier ist die Definition aufwendig. Einfach gesagt, sind das Kreise auf einer Oberfläche, die, wenn frau sie leicht verändert, nicht größer werden. Beispiel ist ein Längenkreis. Die Breitenkreise hingegen sind keine Goßkreise - bis auf den Äquator.

Das Axiom der zwei-dimensionalen sphärischen Geometrie, das besagt, dass zwei Parallelen sich in genau zwei Punkten kreuzen, wird in der drei-dimensionalen euklidischen Geometrie zum:

Satz:
Zwei Großkreise kreuzen sich in genau zwei Punkten.

Dieser Satz stellt eine Erklärung dar.
Also können wir nun sagen, dass wir damit das Axiom erklärt haben. Nein! Wirklich nicht. Wir reden hier von zwei unterschiedlichen Theorien. In der einen ist die Aussage ein Axiom und kann nicht erklärt werden. In der anderen ist sie ein Theorem und wird selbstverständlich erklärt.

Nun dieser Sachverhalt, dass Theorien in anderen Theorien eingebettet werden können, kann nicht verallgemeinert werden. Er ist eigentlich sehr selten und außerdem sehr bald extrem komplex. Das in der Mathematik. In anderen Wissenschaften wird die Lage sehr schnell aussichtlos.

Schon in der Physik finden wir ein sehr einfaches Beispiel in der Einbettung der newtonischen Gravitationstheorie in die einsteinsche allgemeine Relativitätstheorie. Obwohl oft davon gesprochen wird, und es physikalisch sehr nachvollziehbar ist, ist ein Beweis bis heute nach über hundert Jahren Forschung ausgeblieben.

Kommen wir nun zurück zur Psychotherapietheorie. Wir haben gesehen, dass verschiedene Axiome zu verschiedenen gleichwertigen Theorien führen. Diese Theorien beschreiben verschiedene Teilbereiche der Realität.
Wird zum Beispiel die Aktualisierungstendenz als Axiom betrachtet, führt das zur Personzentrierten Psychotherapietheorie. Andere Axiome – zum Beispiel eines die Übertragung betreffend – würden zu anderen Psychotherapietheorien führen.

Aus diesem Sichtpunkt ist Högers erste Aussage „Die Aktualisierungstendenz hat die Bedeutung eines Axioms. Das bedeutet nicht, dass ihr die Funktion einer Erklärung zukommen könnte" total mit der Begrifflichkeit der Physik vereinbar.

Der zweite Punkt ist die Relativierung der Aussage und der Wunsch, dass sich die Aktualisierungstendenz einer Erklärung und sogar einer empirischen Überprüfung unterziehen lassen würde. Das zu realisieren ist ein wissenschaftliches Programm. Es würde voraussetzen, die Psychotherapietheorie in eine neue noch zu bildende naturwissenschaftliche Theorie einzubetten, in derselben Art, wie wir es oben mit der Euklidischen Geometrie gezeigt haben. Ein ebenso ehrgeiziges wie aussichtsloses Unterfangen, wie wir oben schon gesehen haben.

Um so gravierender erscheint diese falsche Sicht über die Rolle und den Aufbau der Naturwissenschaft, wenn man erkennt, dass das hier diskutierte Beispiel kein Einzelfall ist. Auf Seite 47 des genannten Textes (Höger 2006b) findet man in jedem Absatz eine ähnliche Sachlage.

Warum erhofft sich frau dies dann, und warum gerade aus der Ecke der Naturwissenschaft? Da wird der Naturwissenschaft eine sehr viel höhere Wertung gegeben als dem humanistischen Wissen. Diese Wertung ist intern, aus der Sicht der Wissenschaftstheorie, nicht gegeben. Wissenschaftstheoretisch leidet die Naturwissenschaft unter den gleichen Schwierigkeiten wie jede andere Wissenschaft. Wir werden im nächsten Kapitel versuchen, dies anhand von ein paar Beispiel zu illustrieren.

3. Moderne Paradigmen der Physik

Wir haben im vorigen Kapitel ein Beispiel aus einem sehr alten Zweig der Physik, aus der klassischen Mechanik, gegeben. Die moderne Physik arbeitet mit ganz anderen Bildern, die bei weiten nicht so "klassisch" sind, sondern ganz unerwarteten und der Phantasie sehr anregenden Ergebnisse liefern. Wir werden hier drei solche Bilder skizzieren:

Die Theorie der Dynamischen Systeme

Eine Theorie, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahundert große Entwicklungen erlebt hat, ist die Theorie der Dynamischen Systeme. Diese Theorie befasst sich mit komplexen Systemen und hat eine ganz andere mathematische Grundlage als die Mechanik. Sie basiert nicht auf Differentialgleichungen, ein Gebiet der Mathematik, das in der Schule unterrichtet wird, sondern auf komplizierteren iterative Gleichungen, ein Gebiet der Mathematik, das erst im Mathematikstudium betrachtet wird.

Ein sehr berühmtes Objekt dieser Theorie ist ein Fraktal, das in dieser kurzen Animation gut illustriert ist:
Beispiel Fraktal

Diese Bilder sind wunderschön! Und sie erinnern uns an komplexe Phänomene, die wir in der Natur sehen. Bestimmte Punkte in diesem Phasenraum haben ein sehr merkwürdiges Verhalten, wie zum Beispiel "seltsame Attraktoren". Dort sind sogenannte Selbstorganisationsprozesse ganz natürlich eingebettet.

Aber dennoch ist jeder einzelne Farbpunkt dort festgelegt. Keiner ist Zufall (wenn sich auch manche Zufallsphänomene in der Theorie gut beschreiben lassen). Dort herrscht der Tod und die Ewigkeit. Ich meine damit, die Theorie der Dynamischen Systeme ist mathematisch gesehen eine deterministische Theorie. Wir sagen zu einer Theorie sie sei deterministisch, wenn die Entwicklung des darunter beschriebenen Systems mit der Angaben von Anfangsbedingungen für alle Zeiten festgelegt ist. Wäre die Psyche deterministisch beschrieben, würde das bedeuten, dass ihre Entwicklung vorbestimmt ist. Das ist allerdings eine Antinomie (oder modischer ausgedrückt ein Oxymoron). Eine deterministische Theorie ist daher nicht geeignet, psychische Prozesse zu beschreiben.

In „Offenheit und Vielfalt" findet frau aber den Artikel von Jürgen Kriz „Aktualisierungstendenz - die notwendige systemische Grundlage des Personzentrierten Ansatzes" (Kriz 2008), der den Eindruck zulässt, dass eine „systemtheoretische Beschreibung der AT" mehr als nur eine Metapher wäre. Und auch wenn Kriz es etwas relativiert und sagt, dass es „nicht um die Selbstorganisationsprozesse, wie sie in der Physik […] beobachtet werden, geht, sondern um [solche], die in menschlichen Entwicklungen beobachtet werden" (Kriz 2008, S. 143), bleibt der Eindruck, dass die Theorie der Dynamischen Systeme solche beschreiben könnte.

Könnte dies die im letzten Kapitel ersehnte Einbettungstheorie sein? Nein. Selbstorganisationsprozesse folgen den gleichen Gesetzen, ob sie in der „menschlichen Entwicklung" oder in Gasen beobachtet werden. Kommen wir zurück zur klassischen Mechanik, weil sie für die meisten Leser_innen intuitiv leichter zu verstehen ist. Es ist sicher nachvollziehbar, dass die Gravitationskraft sowohl auf Steine als auch auf den menschlichen Körper in der gleichen Weise wirkt. Es ist für das Phänomen Gravitationskraft nicht von Bedeutung, ob das Objekt lebt oder nicht. Und selbstverständlich stellt das Wiegen eines Menschen keinen Reduktionismus dar. Dies passiert erst, wenn behauptet wird, dass das Beschreiben aller wirksamen mechanischen Kräfte eine Erklärung für die menschliche Entwicklung geben würde.

Genauso erklärt die Theorie der Dynamischen Systeme alle Selbstorganisationsprozesse, ob sie in ungelebter oder gelebter Natur ablaufen. Reduktionismus wird es erst, wenn behauptet wird, dies reiche aus, um die psychotherapeutische Aktualisierungstendenz zu erklären.

Unter diesem Sichtpunkt kann die Aussage, dass die Theorie der Dynamischen Systeme eine „notwendige Grundlage des Personzentrierten Ansatzes" sei, genauso auf die Gravitationstheorie erweitert werden. Auch die Gravitationstheorie ist eine notwendige Grundlage des Personzentrierten Ansatzes. Aber zu behaupten, die Gravitationstheorie oder irgendeine andere physikalische Theorie würde die Aktualisierungstendenz erklären, ist schlicht und einfach falsch.

Sehr wohl liefert die Theorie der Dynamischen Systeme wunderbare Methaphern, die als Inspiration für anderen Theorien dienen können. Und einer der Hauptentwickler der Theorie der Dynamischen Systeme, I. Prigogine, war Philosophie Professor und als solcher bestens ausgebildet, um mit diesen Metaphern zu spielen. Den Nobelpreis hat er aber nicht für seine Interpretationen, sondern für die mathematische Theorie erhalten.

Wie viele Dimensionen hat die Welt?

Wunderbare Mataphern liefert die moderne Physik in vielen anderen Bereichen. Sie regt an, kreativ über unser Weltbild zu denken. Fragen wir uns zum Beispiel, wie viele Dimensionen hat die Welt?
Die aktuelle Antwort ist vielfältig, verschiedene Theorien arbeiten mit einer anderen Zahl:

  • Der Raum der Mechanik hat 3 Dimensionen.
  • Der Raum im Elektromagnetismus hat 4 Dimensionen.
  • In der Thermodynamik wird mit einem N-dimensionellen Raum gearbeitet.
  • Für die Quantenmechanik ist der Raum diskret, das heißt nicht kontinuierlich, voller Löcher.
  • In der Theorie der Dynamischen Systeme besteht der Raum aus Fraktalen, das sind Linien, dessen Länge von der Länge des Messgeräts abhängen, wie zum Beispiel die Grenzen eines Landes.
  • In der Gravitationstheorie arbeitet frau mit unendlich-dimensionalen Räume.

Na, was macht das für einen Unterschied für unser Weltbild? Keinen, wenn wir die zugrundelegende Theorie nicht als absolute Wahrheit betrachten.

Kausalität

Aber wie ist es mit der Kausalität? Ist sie auch beliebig? Auf jeden Fall wird in der Physik mit verschiedenen Arten der Kausalität gearbeitet:

  • Mechanik: lineare Kausalität
  • Elektromagnetismus: systemische Kausalität
  • Gravitationstheorie: globale Kausalität
  • Quantenmechanik: verschränkte Kausalität

Wie frau sieht, die Physik liefert keine Antwort darauf, ob die Welt kausal ist, bzw. welche Form von Kausalität in der Welt herrscht. Ebenso kann sie nicht als Rechtfertigung für andere Grundlagen des Weltbildes, wie zur Autopoiese, dienen. Es ist sogar umgekehrt: für jedes beliebige Weltbild kann eine Physik konstruiert werden, die diese Welt beschreibt.

4. Diskussion

Wenn die Naturwissenschaften in diesem Sinne neutral sind, sind sie aber politisch alles, nur nicht neutral. Die aktuelle hohe kulturelle Wertung der Naturwissenschaften ist meines Erachtens der Grund, warum in unserer Fachliteratur immer wieder darauf Bezug genommen wird. Aber eine Bezugnahme die versimplifiziert ist, wirkt kontraproduktiv - sie erniedrigt unser Ansehen anstatt dieses zu verstärken. Sie wirkt nur intern in unseren Fachkreisen, die keine hohe naturwissenschaftliche Bildung haben, befriedigend.
Sie befriedigt auf irrationeller Weise den Neid vor dem kulturellen und politischen Status der Naturwissenschaften. Sehr schade, denn mit dieser Haltung tragen wir dazu bei, die Naturwissenschaften in die Höhe zu heben. Schade auch, weil wir uns damit historisch von Grundsätzen unseres Gebiets entfernen. Freud war zwar Arzt und hat gesellschaftlich eine professoralen Haltung angenommen, seine Schriften strotzen vor literarischem Wert und verfolgen kein naturwissenschaftliches Paradigma. In „Das Können des Unbegrifflichen" schreibt Buchholz zu diesem Trend:
„ohne Formeln, ohne Formulierbarkeit scheint sich nichts begreifen zu lassen,
und doch war es einst eine der wesentlichen psychoanalytischen Ansichten, dass
das Unsagbare nicht Unsinn sei"
(
Buchholz 2007, S. 2)

Ebenso können wir hier Gendlin zitieren (Wiltschko 2008, S. 76): „Die Konzepte, die [in der Philsophie und in der Wissenschaft] benutzt werden, sind so grob im Vergleich zu dem, was man an Spezifischem und Subtilem vom Felt Sense bekommt!" Oder auch Heidegger im „Brief über den ‚Humanismus'" (Heidegger 1946/2004, S. 324) in dem für ihn so typischen Stil:
„Die Verirrung des Biologismus ist dadurch noch nicht überwunden, daß man

  • dem Leiblichen des Menschen die Seele und
  • der Seele den Geist und
  • dem Geist das Existentielle aufstockt

und lauter als bisher die Hochschätzung des Geistes predigt,
um dann doch alles in das Erleben des Lebens zurückfallen zu lassen,
mit der warnenden Versicherung, das Denken zerstöre durch seine starren Begriffe den Lebensstrom.

Ich schließe diesen Artikel mit einem Zitat von Jobst Finke in einer Polemik zum Thema Humanismus und/oder Naturalismus, die 2002 in Person erschienen ist (Finke 2002, S. 29. Meine Hervorhebung, manche Textpassagen der Lesebarkeit wegen ausgelassen) . Er schreibt dort: „So muss unter einer humanistischen Perspektive auch der Versuch einiger Autoren des Personzentrierten Ansatzes […] Referenzen bei den Naturwissenschaften zu suchen, als problematisch erscheinen. Hier sind es besonders die Diskurse um Konzepte der Selbstorganisation, wie sie in der Physik und der Biologie geführt werden […], auf die im Sinne einer Bestätigung des Aktualisierungsmodells der Personzentrierten Psychotherapie verwiesen wird. Dabei mag es dem flüchtigen Leser manchmal erscheinen, als würde in den z. B. in der Thermodynamik beobachteten Phänomenen der Selbstregulation von Ordnungszuständen verschiedener Flüssigkeiten fast ein Indiz für die Berechtigung des Selbstheilungspostulats in der Psychotherapie gesehen werden. Selbstregulationsprozesse in der Biologie oder gar in der Physik taugen aber natürlich höchstens als Metapher, um das, was in den Human- und Kulturwissenschaften mit Selbstbestimmung und Autonomieentfaltung gemeint ist, gewissermaßen gleichnishaft zu veranschaulichen. Zwar wird durch gelegentliche Verweise auf die biologische Forschung noch kein Naturalismus etabliert, aber gerade wo ein solcher nicht intendiert wird, ist der Sinn solcher Verweise zu erläutern.

Auf seinen Artikel folgen – zum Teil sehr emotionelle – Antworten von: Kriz, Eckert, Zurhorst, Fehringer und Finke (Kriz et al. 2003), deren Lektüre sehr zu empfehlen ist.

Ich hoffe mit meiner Argumentation etwas zur Klärung dieser Grundsatzdiskussion beigetragen zu haben. Ich meine, ein naturwissenschafltiches Argument gegen den Naturalismus eingebracht zu haben.

Auch in dieser Zeischrift hier ist Platz für Diskussion, und da sie online erscheint, kann die Diskussion in Echtzeit geführt werden. Falls SIe einen Kommentar hinterlassen wollen, klicken Sie einfach hier oder auf den Link "Bearbeiten" am Anfang der Seite.


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Buchholz, Michael B. (2007). Das Können des Unbegrifflichen. http://dgpt.de/fileadmin/download/psychonewsletters/PNL-59.pdf (01.09.2012).
Feynman, R. P., Leighton, R. B. & Sands, M. (1991). Vorlesungen über Physik 1. München, Wien: Oldenbourg.
Finke, J. (2002). Das Menschenbild des Personzentrierten Ansatzes zwischen Humanismus und Naturalismus. Person - Internationale Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung, 6, 2, 26–34.
Heidegger, M. (1946/2004). Brief über den "Humanismus" (1946). In Wegmarken. Frankfurt am Main: Klostermann, S. 313–364.
Heidegger, M. (1952/2004). Was heißt Denken? (1952). In Vorträge und Aufsätze. 10. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 123–138.
Höger, D. (2006a). Die Entwicklung des Klientenzentrierten Konzepts. In J. Eckert, E.-M. Biermann-Ratjen & D. Höger (Hrsg.), Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch für die Praxis. Berlin, Heidelberg: Springer Medizin Verlag Heidelberg, S. 11–35.
Höger, D. (2006b). Klientenzentrierte Persönlichkeitstheorie. In J. Eckert, E.-M. Biermann-Ratjen & D. Höger (Hrsg.), Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch für die Praxis. Berlin, Heidelberg: Springer Medizin Verlag Heidelberg, S. 37–72.
Kriz, J. (2008). Aktualisierungstendenz - Die notwendige systemische Grundlage des personzentrierten Ansatzes. In M. Tuczai, G. Stumm, D. Kimbacher & N. Nemeskeri (Hrsg.), Offenheit und Vielfalt. Personzentrierte Psychotherapie: Grundlagen, Ansätze, Anwendungen. Wien: Kramer, S. 135–154.
Kriz, J., Eckert, J., Zuhorst, G., Fehringer, C. & Finke, J. (2003). Humanismus und/oder Naturalismus. Eine Auseinandersetzung zum Menschenbild und zum Verständnis der Aktualisierungstendenz im PCA. Person - Internationale Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung, 7, 1, 81–92.
Pietschmann, H. (1980). Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters. Wien: Zsolnay.
Wiltschko, J. (2008). Focusing und Philosophie. Eugene T. Gendlin über die Praxis körperbezogenen Philosophierens. Wien: Facultas.wuv.


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