Diskussion über die Seite
"3SchriftenBezugnahme3?"

Isaias 19.06.2015 13:17 Uhr:

Ich habe die Professoren Jürgen Kriz und Diether Höger um eine Stellungnahme gebeten.

Die Antwort von Prof. Höger 20.06.2015 17:12 (mit Genehmigung):

Sehr geehrter Herr Dr. Costa,

vielen Dank für die Übersendung Ihres interessanten Artikels. Allerdings ist es so, dass ich seit mehreren Jahren aus allen wissenschaftlichen Aktivitäten zurückgezogen habe. Deshalb bin ich auch nicht mehr "up to date" um auf Ihren Artikel näher einzughen.

Nur so viel: Mein Desiderat weiterführender Forschung zur Aktualisierungstendenz hatte nicht, wie Sie unterstellen, das Ziel einer "Erklärung" derselben. Ihre Beispiele stammen alle aus dem rein abstrakten Bereich der Geometrie. Das erinnert mich an einen Philosophen, der mir gegenüber die Bezeichnung "Humanistische Psychotherapie" als unzulässig erklärte, weil sie sich nicht aus dem philosophischen Humanismus ableitet. Die Herkunft aus deren anderem historischen Kontext ließ er einfach nicht gelten. Bei einem Wechsel paradigmatischer Bereiche müssen wir mit anderen Verhältnissen rechnen.

Im Kontext Psychotherapie bewegen wir uns nicht im rein abstrakten Bereich, sondern es geht um den Versuch von Abstraktionen aus Erfahrungen mit Entwicklungsprozessen. Rogers hat seine Erfahrung, dass sich Klienten quasi aus sich selbst heraus konstruktiv verändern, auf den von Goldstein übernommenen Begriff einer "Aktualisierungstendenz" zurückgeführt. Letztlich handelt es sich dabei um ein erfahrungebedingtes, nicht näher begründetes Postulat, das aus der Theorie nicht bewiesen werden soll, sondern beweislos vorausgesetzt wird. Die Notwendigkeit weiterer Forschung sehe ich darin, 1. die Begründung eines solchen Postulats weiter zu überprüfen und 2. genauer zu beschreiben, unter welchen Bedingungen eine solche selbstorganisierte konstruktive Entwicklung stattfinden kann.

Beispiele aus der Phyik oder Chemie sind für mich keine "Beweise"; sie zeigen lediglich, dass selbstorganisierte Prozesse möglich sind, dass eine sinnvolle Steuerung von (Lebens-)Prozessen nicht von "außen" kommen muss, was für einen Kenner der modernen Physik selbstverständlich sein mag, für viele Vertreter der Verhaltenstherapie oder der Pädagogik hingegen nicht. Erst recht nicht für den "normal Gebildeten" und dessen Weltbild, mit dem wir es u.a. in der Therapie-Ausbildung zu tun haben. So zeigte sich ein durchaus gebildeter Diskussionspartner entsetzt darüber, dass Schüler ihre Arbeit weitgehend selbst organisieren sollen; für ihn kann das Ergebnis nur Faulheit und Unwissenheit sein. Letztlich bleibt das eine Frage der Empirie, deren Ergebnissse jedoch nicht ohne weiters anerkannt werden.

So weit in aller Kürze.

Mit freundlichen Grüßen
Diether Höger

Die Antwort von Prof. Kriz 30.09.2015, 14:05 (mit Genehmigung):

Lieber Kollege Costa,

ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen zumindest eine kurze
Zwischennachricht geschickt habe: Ich war überaus viel unterwegs - mit
der Folge (dummerweise !!!) an 4 pc (+ unterwegs..) gearbeitet zu
haben + leider auch mit unterschiedlichen mailprogrammen. Das rächt
sich. Also: falls nicht: SORRY, SORRY, SORRY.

Ich bin aber auch nicht dazu gekommen, mich wirklich _gründlich _Ihrem
Beitrag zu widmen, so wie er es verdient hätte: ich stimme einigen
zentralen Punkten zu,
anderen aber nicht. EIN zentraler Dissenz besteht in Ihrer
Formulierung, dass Selbstorganisationsprozesse "Gesetzen folgen" -
was aber nicht nur eine Frage der _Formulierung _ist,
sondern mit eine unterschwellige Argumentationsgrundlinie Ihres
Beitrags. ICH würde (mit Bateson u.a.) darauf bestehen, dass es sich
bei allen "Gesetzen" pp um "Erklärungsprinzipien"
- also etwas im _menschlichen _Geist - handelt. Wie auch fallende
Kugeln nicht den Gesetzen der Gravitation folgen sondern wir diese
Phänomene so beschreiben (und Sie wissen selbst,
dass es z.B. in der Sicht der Reletivitätstheorie dafür auch andere
Beschreibungen gibt).
Wenn Sie diesem zentralen Aspekt folgen, erfasst also der _menschliche
_Geist (keine gute Formulierung, aber zur Verständigung hier mag es
hoffentlich reichen) Phänomene, die
der Natur zurodnet und Phänomene, die er der PSyche / Interpersonellen
Interaktion zuordnet. Ist es "Naturalismus", von der Nähe zweier
Menschen zu sprechen, ja sogar, dass A und B einander "näher" sind als
A und C nur weil "Nähe" auch für physische Körper in der Physik ein
Thema ist ???

Kurz: ich nenne die A.T. NICHT ein AXIOM (weil ich nicht weiß, was auf

welchem Wege daraus folgt - sicher kann die _Annahme_, einer A.T.
auch zu ganz anderen psychotherapeut.
Ansätzen führen, als NUR zum personzentrierten , ("/Wird zum Beispiel
die Aktualisierungstendenz als Axiom betrachtet, führt das zur//
//Personzentrierten Psychotherapietheorie."/). ich bin aber genau wie
Sie gegen "naturalistische" Erklärungen, d.h. die A.T. mit Naturwiss.
"erklären" zu wollen. Selbst.o.Theorie ist aber
KEINE Naturwiss., sondern eine Strukturwiss., die BESCHREIBUNGEN
sowohl für Phänomene der Physik/Chemie pp als eben auch für solche
der PSychologie/Soziaologie liefern KANN (das wäre jeweils
nachzuweisen, versteht sich).
Ist die - von Ihnen durchklingende - DICHOTOMIE (übrigens: statt
Komplementarität ..!!) - das die "Dinge der Natur" "Gesetzen folgen"
VERSUS dass die sozialen/psychischen Phänomene etwas ganz anderes
SIND, nicht selbst eine verkappte naturalistische Deutung der "Welt"
???? ICH würde sagen, bei BEIDEN Bereichen handelt es sich um vom
Menschen erfahrene PHÄNOMENE, die er entsprechend seiner geistigen (in
eine Kultur eingebetten) Fähigkeiten in bestimmter Weise _ordnet und
beschreibt_.

Ich konnte hier nur den EINEN Aspekt andeuten. LEider finde ich für
mehr derzeit nicht die Zeit. Ich hoffe aber, vielleicht demnächst mal
mehr "Raum" (NICHT naturalistisch gemeint ) zu haben, mich mit
einem Beitrag zu melden.

Ich hoffe, es ist gleichwohl deutlich geworden, dass ich Ihren Beitrag
trotz/wegen!! der Unterschiede für gut und wichtig halte...
herzliche Grüße
jürgen kriz


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