Verstehen (in) einer komplexen Welt
Vorwort zum Buch "Saprotot komplekso pasauli" erschienen in 2015, Verlag Universitate Latvijas
Kriz, Jürgen?, 2015
Unsere „Weise in der Welt zu sein“ – d.h. unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns selbst – wird in hohem Maße von Sprache strukturiert. Die Sprache, die uns in einer bestimmten Sozialgemeinschaft vermittelt wird, enthält die kognitiven Werkzeuge der Kultur: Nicht nur Begrifflichkeiten, sondern auch Metaphern, Narrationen, Erklärungsprinzipien, Bewertungen, Verstehensmuster etc. gehören zum Werkzeugkasten jeder Sprache. Selbst das vermeintlich „unmittelbare“, individuelle, innere Erleben des Einzelnen greift auf diese Kulturwerkzeuge zurück: Nur indem man diese benutzt, kann man sich selbst verstehen: Ein menschlicher Organismus kann ebenso wie ein Tier angesichts einer gefährlichen Situation wegrennen, oder bei einem bestimmten physiologischen Mangelzustand nach Essbarem suchen und sich dies einverleiben. Aber schon das erstere als „Bedrohung“ oder, den eigenen Zustand, als „Angst“ zu verstehen und den zweiten als „Hunger“, verlangt es, die Kulturwerkzeuge adäquat einzusetzen.
Zu den Kulturwerkzeugen zählen auch die umfassenderen Narrationen über die grundlegenden Wirkprinzipien in der Welt. In den beiden Kapiteln dieses Buches, die im Rahmen von Vorlesungen an der Universität Riga entfaltet wurden, werden zwei zentrale Wirk- und Erklärungsnarrationen in unserer gegenwärtigen Kultur miteinander kontrastiert: Die eine lässt sich grob als mechanistisch-kausales Weltbild charakterisieren. Dieses Weltbild geht einher mit der Entstehung abendländischer Wissenschaft vor rund fünfhundert Jahren und hat zu den gewaltigen Fortschritten und Errungenschaften im gesamten Bereich der Technologie geführt. Allerdings haben die großen Erfolge dieses Weltbildes die Menschen unserer Kultur Ende des 19. Jahrhunderts zu der maßlosen Verallgemeinerung verleitet, dass alles mit deiesen Wirkprinzipien beschreibbar sei – einschließlich psychischer und sozialer Dynamiken, medizinischer und biosomatischer Vorgänge etc. Dabei war eigentlich schon immer klar, dass der belebte Teil der Welt mit seinen nicht-linearen Entwicklungsvorgängen, ganzheitlich–adaptiven Anpassungsprozessen etc. nach anderen Prinzipien verläuft. Für den Bereich des Menschlichen kommen zusätzlich essentielle Aspekte wie Sinn, Bedeutung, Zielgerichtetheit etc. hinzu. Diese sind zwar in Diskursen wie der Psychoanalyse oder besonders der Humanistischen Psychologie seit rund hundert Jahren zentraler Gegenstand. Aber selbst große Teile von Medizin, Psychologie oder gar Psychotherapie sind immer noch dem klassischen Weltbild und seinen Erklärungsprinzipien verhaftet – besonders dann, wenn es um scheinbar „wissenschaftliche“ Aspekte und Fragen geht.
Interessanterweise hat erst die moderne interdisziplinäre Naturwissenschaft seit etwa fünf Jahrzehnten den Grundstein dafür gelegt, das klassische mechanistisch-kausale Weltbild zu überwinden. Prinzipien wie nicht-lineare Wirkungszusammenhänge, Selbstorganisation von Strukturen, dynamische Stabilität und adaptive Weiterentwicklung sind hier selbst in Bereichen der Physik und der Chemie maßgeblich – also Phänomene, welche eigentlich dem lebenden Bereich zugeordnet wurden. Für die Nutzung dieser Prinzipien im Rahmen humanwissenschaftlicher Diskurse mussten freilich die formalwissenschaftlich formulierten und naturwissenschaftlich bewährten Grundkonzepte auf den Phänomenbereich menschlicher Lebenswelten konzeptionell zugeschnitten werden. Der vom Autor vertretene Ansatz „Personzentrierte Systemtheorie“ widmet sich seit Jahrzehnten dieser Aufgabe – und das vorliegende Werk enthält zentrale Überlegungen hierzu.
Mein besonderer Dank gilt meinem Kollegen Prof. Dr. Raivis Bicevskis, mit dem ich über viele Jahre freundschaftlich verbunden bin. Er war, bezogen auf dieses Projekt, nicht nur zentraler Kooperationspartner für meine Erasmus-Professur im Herbst 2013 an der Universität Riga, sondern hat insbesondere die vorliegende Publikation vorangetrieben und die Übersetzungsarbeiten geleistet. Dafür bin ich ihm sehr verpflichtet.