Schriften

Sehen und Gesehen Werden

Ein Plädoyer gegen Seitenblicke

oder

Die Wichtige Andere, Authentic Movement und personzentrierte Perspektiven

Schriftliche Arbeit für die Ausbildung zur Personzentrierten Psychotherapeutin bei der APG/Sektion Forum

verfasst von
Maga. Clarissa Costa
Wien, 2009

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3
2 Persönliches 5
3 Theoretisches 7
3.1 Personzentrierte Konzepte 7
3.2 Die personzentrierten Konzepte in Bezug zum Thema 10
4 Beziehungskonstellationen 13
4.1 Authentic Movement: die sich Bewegende - die Zeugin 13
4.2 Die Klientin – die Psychotherapeutin 16
4.3 Das Baby - die Mutter 18
4.3.1 Das Bedürfnis positiv zu beachten 19
4.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Beziehungsfelder 21
5 Die Wichtige Andere 25
6 Schlussworte 28
7 Literatur 30

„Wenn ich sehe und gesehen werde, so bin ich“ (D.W. Winnicott)
(zit. nach Bohleber, 1992, S. 351)

1 Einleitung

Ich praktiziere nun seit fast 10 Jahren Authentic Movement. Es ist eine Praxis der Selbsterfahrung, die auf Bewegung basiert, Bewegung, die mehr oder weniger unbewusst aus unserem Körper kommt. Dabei werden jene Personen, die sich bewegen, immer von sogenannten Zeuginnen („witnesses“) wahrgenommen, die sich wiederum selbst von deren Bewegung innerlich bewegen lassen. Die Strukturen dieses Settings werden im Laufe dieser Arbeit näher beschrieben. Mir persönlich bietet das Setting ausreichend Sicherheit, um mich, wenn ich mich bewege, auf mein Erleben einzulassen. Authentic Movement könnte ich als meine Heimat bezeichnen, von der ich ausgehe, andere Beziehungserfahrungen bzw. andere therapeutische Ansätze zu erkunden.
In meiner Ausbildung zur Personzentrierten Psychotherapeutin habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, der ich im Rahmen der vorliegenden Arbeit mein besonderes Interesse widme, nämlich worin ich mich in meiner Funktion als Zeugin beim Authentic Movement von meiner Funktion als Psycho-therapeutin unterscheide.
In der Rolle als Zeugin erfahre ich mich immer als Ganze. Ich sehe die sich Bewegende und bezeuge mich selbst dabei: Was nehme ich in meinem Körper wahr, was für Bilder entstehen in mir, was für Emotionen tauchen auf. Mein Erleben kann, für die sich Bewegende zur Verfügung gestellt, für ihre Selbster-fahrung hilfreich sein.
Ich will mich als Psychotherapeutin auch ganz erleben – kongruent sein. Ich bin auch hier für die Klientin eine Zeugin, und ich stelle ihr mein Erleben zur Verfügung, wenn ich glaube, dass es hilfreich sein könnte.

Die zweite Überlegung, die am Anfang meiner Arbeit steht, ist, dass es ein menschliches Grundbedürfnis sei, andere positiv zu beachten.
Das Bedürfnis positiv beachtet zu werden („need for positive regard“) ist eine angeborene menschliche Eigenschaft (Rogers, 1959/1987, S. 49). Wenn ich mich in meinem Erleben als Zeugin bzw. als Psychotherapeutin in meinem „Ganz-Sein“ erlebe, so schließe ich daraus, dass es nicht nur einen angeborenen „need for positive regard“ gibt, sondern – so meine Überzeugung, die den vorliegenden Ausführungen zugrunde liegt – auch ein angeborenes Bedürfnis, das Gegenüber in dieser Dualität zu sein, also ein Bedürfnis, die andere Person positiv zu beachten: „Erfährt ein Individuum sich selbst als jemanden, der das Bedürfnis nach positiver Beachtung eines anderen befriedigt, dann erfährt es notwendigerweise Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses nach positiver Beachtung“ (Rogers, 1959/1987, S. 49).
Biermann-Ratjen (1989) erwähnt die Wichtigkeit anderer sehr oft in Bezug auf deren Unerlässlichkeit für die Integration von Selbsterfahrungen. Bohleber zitiert in seinem Artikel Identität und Selbst (1992) eine Reihe von anderen Autoren, die immer wieder von der bedeutsamen Anderen sprechen, in deren Funktion jener Person gegenüber, die die Erfahrung macht. Ich werde im Folgenden den Begriff Wichtige Andere dafür verwenden. Mich interessiert dabei die Bedeutsamkeit, die es hat, Wichtige Andere zu sein, und in diesem Zusammenhang auch die Annahme, dass wir ein angeborenes Bedürfnis haben, ein derartiges Gegenüber zu sein.
Dieser Wichtigen Anderen werde ich am Ende der Arbeit ein eigenes Kapitel widmen.
Die Beziehung zur ersten Person, die das Kind wahrnimmt – meistens die Mutter – ist eine prägende. Daher wähle ich neben der Beziehung im „Authentic Movement“ und der Beziehung in der „Personzentrierten Psychotherapie“ die Mutter-Kind-Beziehung als dritte Beziehungsebene, die ich näher betrachten werde.
Sich Bewegende – Zeugin, Klientin – Therapeutin, Baby – Mutter, das ist eine kleine Auswahl von unzähligen menschlichen Beziehungsformen.

2 Persönliches

Als Kind hatte ich einen immer wiederkehrenden Traum:
Ich bin in einem Käfig gefangen, der mitten auf der Straße steht. Meine Eltern und meine Schwester gehen daran vorbei. Ich schreie, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Aber sie sehen mich nicht. Sie befreien eine andere Clarissa, die genauso ausschaut wie ich.
Rogers hat gesagt: „Werde die, die du wirklich bist“. Dafür müssen die anderen die, die ich wirklich bin, sehen und damit aus ihrem Käfig befreien. Sie müssen mich erkennen: „Hier bist Du!“ „Ich hab Dich schon gesucht“ „Ich hab Dich vermisst“. Da fühlt sich die, die ich wirklich bin, willkommen. Da wagt sie es, sich zu zeigen. Da muss sie sich nicht verstellen, um aus ihrem Käfig befreit zu wer-den. Denn ich bin immer die, die ich wirklich bin.
Mit dem Wort „Seitenblicke“ im Untertitel der vorliegenden Arbeit beziehe ich mich auf die gleichnamige Fernsehsendung. Wer kennt sie nicht, diese Sendung, die fast täglich kurz vor dem Hauptabendprogramm im ORF gezeigt wird? Hier bekommen wir kurze Einblicke in halb-private Momente von öffentlich bekannten Personen (z.B. der Bundespräsident geht ins Burgtheater, eine Hollywood-Schauspielerin macht Urlaub in Wien, erfolgreiche Sportler gehen auf den Life-ball, usw.). Die Menschen, die hier gezeigt werden, sind außerhalb ihres beruflichen Kontextes, aus dem wir sie kennen. Sie zeigen sich selbst von einer unbekannten Seite. Doch ich könnte sie beim besten Willen nicht „aus einem Käfig befreien“, denn es wird mir unmöglich gemacht, sie zu sehen. Sie schauen alle gleich aus! Sie zeigen ein ganz bestimmtes Äußeres, nämlich das, von dem sie ganz sicher wissen, dass es zumindest von den „Seitenblicke“-MacherInnen angenommen wird. Sie geben sich in einer ganz bestimmten Weise, von der sie glauben, dass sie von anderen Menschen geschätzt wird. Die, die sie wirklich sind, zeigen sie nicht. Möglicherweise um der ihnen schon vertrauten Enttäuschung zu entgehen, nicht erkannt zu werden. Oder sie haben Angst doch gesehen zu werden. John Steiner erwähnt in seinem Buch über narzisstische Störungen, dass manche Patientinnen Angst haben, so gesehen zu werden, wie sie wirklich sind. Die Erfahrungen diesbezüglich können mit unerträglichen Gefühlen, wie Bloßstellung, Demütigung, Erniedrigung, assoziiert werden. Es sind Erfahrungen, als Objekte, und nicht als Subjekte, gesehen worden zu sein: „Die Patienten erklären, sie würden lieber sterben als gesehen werden“ (Steiner, 2006, S. 69).
Und warum schaue ich mir das an? Warum faszinieren mich diese sogenannten Reichen und Schönen? Wenn ich mir die „Seitenblicke“ ansehe, dann löst das in mir Verschiedenes aus. Manchmal projiziere ich in diese Menschen, dass sie glücklich sind, dass sie geliebt werden, dass sie keine Sorgen haben. Ich bekomme ein Gefühl der „heilen Welt“. Es ist wie ein Märchen: das Schöne siegt und ich gehöre dazu. Da dient mir die Sendung zur Erhaltung eines verzerrten Selbstbildes.
Oder ich fühle mich hässlich und unwichtig. Und da erweckt diese Sendung in mir eine Sehnsucht nach meiner Mutter und eine große Traurigkeit. Ich glaubte, meine Mutter wollte mich so sehen, wie die Menschen im Fernsehen. Ich bildete mir ein, wenn ich so sein könnte, würde ich aus meinem Käfig befreit.
Da sich die „Seitenblicke“-Menschen nicht zeigen, sind sie die ideale Projektionsfläche. Im Zuge der Beschäftigung mit diesem Thema und des Bewusst-Werdens dieser Projektionen gelingt es mir, meine Käfigtüre selbst immer ein Stückchen weiter zu öffnen.
Hier wird deutlich, was ich unter gesehen werden verstehe: Ich werde gesehen, wenn ich mich wahrgenommen, erkannt und geliebt fühle, und zwar bedingungslos, so wie ich wirklich bin (ich meine damit den Fachbegriff der „unbedingten positiven Beachtung“, den ich weiter unten näher erläutere).
Das erste Buch von C. Rogers, das ich gelesen habe, war „Therapeut und Klient – Grundlagen der Gesprächspsychotherapie“ (1977). Das Kennenlernen des Personzentrierten Ansatzes empfand ich als Bestätigung meiner Person, ich fühlte mich gesehen.

3 Theoretisches

3.1 Personzentrierte Konzepte
In den nächsten Absätzen stelle ich einige Grundkonzepte, auf die ich im weiteren Verlauf noch zurück komme, allgemein dar.

Erleben
Grundsätzlich ist dem Menschen sein Erleben zugänglich – das ist eine Annahme im Personzentrierten Konzept. Erfahrung („experience“) ist alles „was sich inner-halb des Organismus in einem bestimmten Augenblick abspielt und was potenziell der Gewahrwerdung zugänglich ist. Es schließt Ereignisse ein, deren sich das Individuum nicht gewahr ist, ebenso wie die Phänomene, die im Bewusstsein (consciousness) sind“ (Rogers, 1959/1987, S. 23). Das englische Wort „experience“ wird im Deutschen sowohl mit Erleben als auch mit Erfahrung übersetzt. Biermann-Ratjen, Eckert & Schwartz (2003, S. 79) weisen darauf hin, dass Erfahrungen im Sinne des Klientenzentrierten Konzepts ... die Teile des Erleben (sind), die in einem gegebenen Moment bewusst werden können“. Erfahrungen können unter bestimmten Bedingungen zu Selbsterfahrungen werden (siehe Kap. 3. 2.). Im Gegenteil zum alltäglichen Sprachgebrauch, wo man unter Erfahrung Erlebnisse aus der Vergangenheit versteht, vollzieht sich die Erfahrung im Personzentrierten Konzept demnach in der Gegenwart.
Biermann-Ratjen, Eckert & Schwartz (2003, S. 79) führen weiter aus, dass Erfahrungen in Form von Körperempfindungen, Vorstellungen, Gefühlen, Gedan-ken und Worten symbolisiert werden können. Aber auch ganz vages Erleben, das noch gar nicht explizit ist, kann schon bewusst sein. Eugene Gendlin spricht hier von einem „felt sense“ (Wiltschko, 2003, S. 115). „Vollständig bewusste Erfahrung ist auch „sinnvolle“ Erfahrung“ (Biermann-Ratjen, Eckert & Schwartz (2003, S. 79).

Organismus, organismische Bewertung und Inkongruenz
Idealerweise bewertet der Organismus als Ganzer jede seiner Erfahrungen in Hinblick darauf, ob sie der Erhaltung oder der Förderung (Entfaltung) des Orga-nismus dienlich ist oder nicht. Jede Erfahrung ist also grundsätzlich organismisch bewertbar, wobei diese Bewertung aber davon abhängt, ob wir bei der Verarbeitung der Erfahrung von einer Wichtigen Anderen dabei verstanden und unbedingt wertgeschätzt werden. Viele Erfahrungen können leider überhaupt nicht organismisch bewertet werden, da das Bedürfnis nach unbedingter positiver Beachtung Menschen dazu bringt, Bewertungsbedingungen von außen aufzunehmen. Von daher kommt es zu der Aussage, dass Erfahrungen im doppelten Sinn bewertet werden (als der unbedingten positiven Beachtung durch andere wert und der Beachtung durch die eigene organismische Bewertung wert).
Wenn diese Bewertungen nicht ident sind, besteht die Gefahr der Inkongruenz. „Wenn also ein Individuum Ziele anstrebt und sich mit Werten identifiziert, die mit seinen eigensten, organismischen, nicht symbolisierten Wünschen und Bedürfnissen im Widerspruch stehen, liegt eine Inkongruenz vor“ (Finke, 2004).
Inkongruenzen drücken sich in verschiedenen Symptomen aus wie z.B. Angst, Depression, Zwang. Bei „erfolgreicher“ völliger Abwehr organismischer Erfahrungen besteht meist kein bewusst erlebter psychischer Leidensdruck.

Selbst
„Das Gewahrsein des Seins und des Handelns entwickelt sich durch die Interaktion mit der Umwelt – und hier besonders durch zwischenmenschliche Erfahrung – zum Selbstkonzept, einem Wahrnehmungsobjekt im eigenen Erfahrungsfeld.“ (Rogers, 1959/1987, S. 49).
Für Rogers sind Selbst und Selbstkonzept Synonyme, und auch Selbststruktur ist das Gleiche, allerdings von außen betrachtet (siehe Rogers, 1959/1987, S. 26). Es gibt einen großen Unterschied zwischen Rogers und Biermann-Ratjen insofern, als bei Rogers die Bewertungsbedingungen Teil des Selbstkonzepts sind, während Biermann-Ratjen meint, dass nur vollständig symbolisierte, unverzerr-te (weil unbedingt wertgeschätzte) Erfahrungen in das Selbstkonzept integriert werden. Das Selbstkonzept des Menschen beinhaltet – nach Biermann-Ratjen - alle organismischen Erfahrungen, die vollständig symbolisiert sind. Bei Rogers können auch verzerrte Symbolisierungen Teil des Selbstkonzepts sein. Je kleiner ein Kind, umso undifferenzierter sind seine Symbolisierungsfähigkeiten. Damit es überhaupt zunehmend lernt, sich organismisch zu orientieren, also den Be-zugspunkt seiner Bewertungen in ihm selbst wahrzunehmen, bedarf ein Kind zunächst einer unbedingt wertschätzenden und empathischen Begleitung. Nur so kann sich ein kongruentes Selbstkonzept ausbilden. Andererseits kommt der Mensch mit einem Bedürfnis nach unbedingter positiver Beachtung durch andere auf die Welt. Um positiv beachtet zu werden, ist das Kind bereit, Erfahrungen zu verzerren bzw. sogar zu verleugnen, also gar nicht wahrzunehmen. Es verlagert dann den Bezugspunkt der Bewertungen nach außen. Es nimmt Bewertungsbedingungen von außen in sich auf.

Aktualisierungstendenz
Die Aktualisierungstendenz ist ein grundlegendes Axiom im Personzentrierten Ansatz. Es besagt, dass jedem Menschen eine Tendenz innewohnt, seinen Organismus zu erhalten und die ihm innewohnenden Möglichkeiten zu entfalten. Unter günstigen Umständen tut er das auf eine konstruktive, sozial verbindende Art. Die Aktualisierungstendenz als solche ist nicht beobachtbar, sondern nur aus gewissen Phänomenen abzuleiten. Es geht hierbei letztlich um eine dem Personzentrierten Ansatz zugrunde liegende Philosophie, nämlich das zugrunde liegende Menschenbild.
Die auf das Selbst gerichtete Aktualisierungstendenz ist die Selbstaktualisierungstendenz. Sie besagt, dass der Organismus danach strebt, einerseits sein Selbst zu erhalten, andererseits zu entfalten. Das Streben des Organismus, die ureigensten Bedürfnisse zu befriedigen, kann im Widerspruch zu dem Bedürfnis nach unbedingter positiver Beachtung stehen. Um das Selbstkonzept aufrecht zu erhalten (dies entspricht der Selbsterhaltungstendenz, als eine Qualität der Selbstaktualisierungstendenz), müssen organismische Erfahrungen abge-wehrt, d. h. entweder verleugnet oder verzerrt symbolisiert werden.

3.2 Die personzentrierten Konzepte in Bezug zum Thema
Was ich als persönliche Lebenserfahrung in Kapitel 2 formuliert habe, kann ich nun in Termini der personzentrierten Persönlichkeits- und Therapietheorie ausdrücken:
Eine Erfahrung kann nur dann in das Selbstkonzept integriert werden, wenn man dabei gesehen wird. Mit Gesehen werden meine ich, bei einer Erfahrung von einer wichtigen anderen Person empathisch verstanden und unbedingt wertgeschätzt zu werden; dabei ist die Wichtige Andere in ihrem Erleben in Hinblick auf die Beziehung zur Person, die Erfahrung macht, kongruent. Kongruent sein bedeutet, dass sie ihre Erfahrung (nämlich die, jemanden empathisch zu verstehen und unbedingt wertzuschätzen) wiederum vollständig symbolisieren kann und diese daher mit ihrem Selbstkonzept übereinstimmt. Der wichtigen anderen Person ist also ihre Erfahrung bewusst. Und die Person selbst muss auch wahrnehmen können, dass sie gesehen wird.
Aus Erfahrungen können so Selbsterfahrungen werden, aus welchen sich das Selbstkonzept bildet. So kann z.B. aus der Erfahrung „ich sehe eine Blume“ die Selbsterfahrung „ich erlebe, dass ich eine Blume sehe“ werden (Biermann-Ratjen, Eckert & Schwartz, 2003, S. 79). Damit diese Entwicklung zur Selbsterfahrung stattfinden kann, muss es eine Wichtige Andere geben, die sie in ihrer Erfahrung wahrnimmt, z. B. selbst folgende Erfahrung macht: „Ich sehe, dass du dich als jemanden erlebst, die eine Blume sieht“. Für die Wichtige Andere wird ihre Erfahrung auch zu einer Selbsterfahrung: „Ich erlebe mich als essentielles Gegenüber für deine Selbsterfahrung“.
Aus den Selbsterfahrungen bildet sich das Selbstkonzept. Das Selbstkonzept entwickelt sich zunächst in Interaktionen mit anderen Menschen. Wenn eine Er-fahrung in das Selbstkonzept integriert wird, wird dieses durch eben diese Erfahrung erweitert. Das bedeutet Veränderung bzw. persönliches Wachsen. Jede bewusste Erfahrung als Wichtige Andere ist ebenso eine Selbsterfahrung, die integriert wird. Der Selbsterfahrungs-schatz wird immer größer, das Selbstkonzept immer weiter. Daraus kann man schöpfen und sich selbst immer öfter Wichtige Andere sein.
Eine Geschichte aus dem Alltag:
Noah ist 2 Jahre alt. Er will keine neuen Schuhe. Die alten sind aber schon zu klein, sie könnten seine Füße verformen. Außerdem ist Winter, er braucht warme Schuhe. Noah hat eine Woche (!) erfolgreich verweigert, Stiefel anzuziehen. Sein Vater hat erfolgreich verweigert, mit ihm aus dem Haus zu gehen – eine Woche lang. Dann hieß es, die Schuhe werden in Wien gekauft, mit den Großeltern.
Auch in Wien macht Noah im Geschäft einen „Skandal“. Mit Müh und Not wird sein Fuß abgemessen und ohne zu probieren wählt er aus 3 Paaren eines mit der Farbe Rosa. Am nächsten Tag ziehen wir ihm fast gewaltsam die neuen Stiefel an. Noah wirkt verzweifelt. Da sag ich zu ihm: “Gel Noah, du bist jetzt ganz traurig.“ Und da seufzt er tief –„ja!“ – und beruhigt sich.
Ich bin sehr beeindruckt von der Wirksamkeit meines Satzes. Ich glaube, dass Noah sich in seiner Not gesehen und verstanden gefühlt hat.
Noah macht die bewusste Erfahrung, dass er seine Schuhe nicht anziehen will. Er symbolisiert das, indem er schreit und sich sein gesamter Körper gegen das Anziehen wehrt. Seiner Not ist er sich jedoch noch nicht bewusst. Mit meiner Rückmeldung kann er diese symbolisieren und sie wird zu einer Selbsterfahrung: „Ich bin traurig, weil ich diese Schuhe anziehen muss“.
Meine bewusste Erfahrung „ich sehe dich in deiner Not“ drücke ich durch meine Rückmeldung aus. Und noch eine weitere Selbsterfahrung habe ich in diesem Moment gemacht: „Ich nehme mich als Wichtige Andere für deine Selbsterfahrung wahr.“
Demzufolge definiere ich die Wichtige Andere als eine Person, die sich bewusst als Gegenüber erlebt, wenn Menschen Erfahrungen vollständig symbolisieren und integrieren. In der Therapiesituation ist das die Voraussetzung dafür, dass Wachstum und Veränderung stattfinden können.

In den von mir ausgewählten Beziehungsbeispielen bedeutet das:
• Ein wesentlicher Punkt bei 'Authentic Movement' ist das sich Selbstbezeugen (im nächsten Kapitel werde ich das ausführlicher beschreiben).
• Das Ziel einer Psychotherapie ist, dass sich die Klientin schließlich selbst unbedingt wertschätzen kann, sich selbst versteht in ihren Erfahrungen.
• Ein Kind wird erwachsen und unabhängig von den Bewertungen sei-ner Mutter.
Ich werde das in Kapitel 4 anhand von drei Beziehungsebenen – Sich Bewegende und Zeugin im Rahmen von Authentic Movement, Klientin und Psychotherapeutin im personzentrierten Setting, sowie Baby und Mutter – noch genauer beleuchten.
Ich möchte hier festhalten, dass die Person, die sich selbst in jedem Augenblick Wichtige Andere ist, eine fully functioning person ist. Rogers prägte den Begriff der fully functioning person: die Idealvorstellung einer Person, die immer alle Erfahrungen vollständig symbolisieren kann, die keine Erfahrungen abwehren muss, die immer empathisch und kongruent sein kann, die sich immer selbst bedingungslos positiv beachtet. Also der 100% gesunde Mensch, den es in Wirklichkeit nicht gibt (Rogers, 1959/1987, S. 59).
Für jede Selbsterfahrung, die wir in unser Selbstkonzept integrieren konnten, steht uns die Erfahrung der dazugehörigen Wichtigen Anderen auch zur Ver-fügung, denn wir können uns sicher zumindest im Nachhinein sehen. Es bekommt also die Wichtige Andere in uns selbst immer mehr Platz. Wenn sie die-sen Platz hat, steht sie auch anderen wieder zur Verfügung. Die Wichtige Andere in uns muss leben können. Sie sieht die anderen und sie sieht das eigene Selbst (wie die Zeugin beim Authentic Movement, die explizit diese Funktion hat). Es ist befriedigend, diese Funktion einzunehmen, wenn Selbsterfahrungen und Erfahrungen der Wichtigen Anderen im Gleichgewicht sind.
Carl Rogers (1981, S. 25) meint bezüglich nicht bewertendem Zuhören „Es ist mir wichtig, es zu geben; ... Ich habe das Gefühl, innerlich gewachsen zu sein, wenn ich es gegeben habe; ich bin ganz sicher, gewachsen zu sein, erlöst und befreit, wenn man mir auf diese Art zugehört hat.“ Dies kann wohl analog auch für das Zusehen gelten.

4 Beziehungskonstellationen

Wie schon in der Einleitung erwähnt, werde ich in diesem Kapitel versuchen, drei Beziehungsfelder zu beleuchten und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus zu arbeiten.

4.1 Authentic Movement: die sich Bewegende - die Zeugin
Authentic Movement ist eine Methode, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts von Mary Starks Whitehouse, Janet Adler und Joan Chodorow in den USA entwickelt wurde, um professionelle Tänzerinnen in ihrer Ausdruckskraft zu unter-stützen (Pallaro, 1999 und 2007). Diese Methode wird heute in allen Kunstspar-ten sowie im psychotherapeutischen Bereich und zur Persönlichkeitsentwicklung angewendet.
Ich stelle zunächst eine kurze Beschreibung des Settings voran:
Eine oder mehrere Personen nehmen die Rollen der sich Bewegenden und der Zeugin ein. Die Rollen werden normalerweise innerhalb einer Sitzung gewechselt, außer in einem therapeutischen Kontext. Mit einer Glocke, einem Gong, oder einem ähnlichen Klangkörper kennzeichnet die Zeugin den zuvor ausge-machten Anfang und das Ende der Bewegungseinheit. Die Zeugin sitzt am Rande des Raums, wenn es eine Gruppe ist, sitzen die Zeuginnen in einem Kreis. Die Zeugin beobachtet die sich Bewegende mit all ihren Sinnen, nicht nur mit dem analytischen Auge. Sie beachtet auch ihre eigenen Empfindungen, Bilder, Gedanken, Gefühle und Phantasien. Dadurch, dass sie sowohl nach außen als auch nach innen aufmerksam ist, ist sie nicht nur Zeugin der sich bewegenden Person, sondern auch für sich selbst. Es kommt zu keiner Interaktion mit der sich bewegenden Person.
Die sich Bewegende schließt ihre Augen, für gewöhnlich irgendwo mitten im Raum. Sie soll ihre inneren Impulse wahrnehmen. Sie kann ihnen folgen und sich von ihnen in Bewegung, stimmlichen Ausdruck oder in Stille führen lassen. Sollten ihre Bewegungen groß, schnell oder scharf werden, öffnet sie flüchtig die Augen, um die eigene Sicherheit und die der anderen zu gewährleisten. Alles kann passieren: Sie kann einfach am Boden liegen, Akrobatik betreiben, heulen oder singen, mit anderen sich bewegenden Personen interagieren, auf die Zeugin zugehen oder sie ignorieren, und so weiter. Ihre inneren Bewegungen können sich irgendwo zwischen weltlich und transzendent anfühlen, sie kann sich mehr oder weniger bewusst bewegen oder geführt fühlen.
Nach der Bewegungs-Sequenz folgt eine Rückmeldungsrunde. Die Person, die sich bewegt hat, und die Zeugin sitzen zusammen, in Stille, oder sie sprechen über ihre Erfahrungen: über das individuelle oder auch das kollektive Geschehen (wenn sich mehrere Personen gleichzeitig bewegt haben) bis hin zum transpersonalen. Die Person, die sich bewegt hat, spricht zuerst, und wenn sie will, bekommt sie Rückmeldungen von der Zeugin bzw. den Zeuginnen. Diese spricht/sprechen nur über jene Bewegungen, die von der Person, die sich bewegt hat, erwähnt wurden. Die Bedeutung der Sprache im Authenic Movement ist von Uretsky (1996) ausführlich und besonders klar dargestellt.
Die Aufgabe der Zeugin bei Authentic Movement ist zu sehen und sich berühren zu lassen – wir nennen das „bezeugen“. Sie kann, wenn die, die sich bewegt hat, es wünscht, Rückmeldungen (Zeugenschaft) geben. Eine Möglichkeit ist die genaue Beschreibung der Bewegung, auch der Versuch einer Spiegelung oder die Wiederholung der Bewegung stellt eine Form der Zeugenschaft dar. Eine weitere Möglichkeit ist, was im Englischen „recall“ genannt wird: Nachdem die, die sich bewegt hat, über ihre Erfahrung gesprochen hat, wiederholt die Zeugin die Worte und/oder Sätze, die ihr wesentlich erscheinen, die sie berührt haben. Und letztlich kann die Zeugin auch über ihre eigene emotionale Erfahrung berichten: „Ich habe Dich gesehen, und das hat mich folgendermaßen berührt, das hat in mir folgendes Bild aufkommen lassen, da habe ich mich erinnert, usw.“. Die Geschichte der Zeugin ist möglicherweise ganz nahe an der mittels Bewegung dargestellten Geschichte der anderen, vielleicht auch nicht. Die Be-rührung ist ihre eigene Erfahrung.
Es liegt im Ermessen der Zeugin, ihre „Geschichte“ zur Verfügung zu stellen oder nicht. Sie stellt das Erleben der Person, die sich bewegt hat, in den Vordergrund. Hier sehe ich eine Übereinstimmung mit der psychotherapeutischen Situation. Auch hier kann die Therapeutin ihr subjektives Erleben der Situation der Klientin als Intervention mitteilen. Sie unterzieht ihr Selbstöffnen („self-disclosure“) vorher jedoch einer abwägenden Prüfung im Kontext ihres fachlichen Wissens (vgl. Finke, 2004, S. 67).

Ein persönliches Beispiel:
Beim letzten „Moven“ (sich Bewegen) hörte ich 2 andere „Moverinnen“ in lautstarkem Kontakt zueinander, und das ziemlich nah bei mir. Meine gewohnten Reaktionen sind: Da muss ich auch dazu, Eifersucht, fast Neid. Doch diesmal war es anders. Mit dem starken Gefühl, von den Zeuginnen gesehen zu werden, war es mir möglich, in meiner „leisen“ und eigenen Bewegung zu bleiben, ohne das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Ich wusste, dass ich gesehen werde, das wurde mir in einer Rückmeldung nachher auch bestätigt. Meine bisherigen Erfahrungen waren anders gewesen: Nämlich nur wenn ich „laut“ bin, werde ich wahrgenommen. Plötzlich verstand ich mich in meinen gewohnten Reaktionen (beim Focusing nennt man das einen „felt shift“), und nun bin dankbar für die korrektive Erfahrung, die ich bei Authentic Movement machen durfte.
Was in der Bewegung zum Ausdruck kommt, hat eine mehr oder weniger sicht-bare Entsprechung im Leben. Wesentlich im Leben ist gesehen zu werden. Authentic Movement bietet ein sicheres Setting für Erleben und das Integrieren des Erlebten, weil man gesehen wird. Es gibt keine richtige oder falsche Bewegung – es gibt kein richtiges oder falsches Leben.
Bei Authentic Movement ist es grundlegend, zwischen „meiner und deiner Geschichte“ zu unterscheiden. Folgende Aussage einer Zeugin, „ich sehe, dass du weinst und traurig bist“, wäre eine Projektion der Zeugin (ein Seitenblick!) und für die Person, die sich bewegt hat, kaum hilfreich; „ich sehe Tränen über deine Wange rollen, und bei mir empfinde ich ......“ hingegen schon. Bilder, Assoziationen, Interpretationen, Gefühle, die bei mir als Zeugin auftreten, haben immer mit mir selbst und meiner Geschichte zu tun. Es sind meine eigenen Erfahrun-gen, die mein Organismus bewertet.
„Niemand hat einen direkten Zugang zum Erleben eines anderen Menschen, es ist das Individuum allein, das um seine Erfahrung wissen kann“ (Eckert, Biermann-Ratjen & Höger, 2006, S. 59).
Wenn die Erfahrung der Zeugin nicht achtsam von der Erfahrung der sich Bewegenden getrennt wird, sondern als Interpretation darüber gestülpt wird, dann ist die sich Bewegende nicht gesehen worden.

4.2 Die Klientin – die Psychotherapeutin
• In den meisten Therapierichtungen ist es die Beziehung, die heilt. Ich übersetze das so: Du musst gesehen werden, um Erfahrungen zu integrieren. Im Personzentrierten Ansatz gelten sechs Bedingungen für konstruktive Veränderung als notwendig und hinreichend: Zwei Personen sind in psychologischem Kontakt.
• Die eine ist im Zustand der Inkongruenz; dies ist mit Gefüh-len/Empfindungen von Spannung und Angst oder Verletzlichkeit verbunden.
Von Seiten der Therapeutin braucht es drei erlebte Haltungen:
• Sie versteht die Klientin empathisch, sie kann sich in sie hineinversetzen und aus deren Bezugsrahmen heraus das Erleben der Klientin nachvollziehen.
• Die Therapeutin bringt ihrer Klientin unbedingte Wertschätzung entgegen.
• Sie selbst bleibt dabei in ihrem Erleben in der konkreten Beziehung kongruent.

Diese Haltungen sind schließlich dann förderlich, wenn sie interaktionell zum Tragen kommen:
• Die Klientin muss zumindest in geringem Maße diese Haltungen der Therapeutin wahrnehmen können.

Es sind Momente, in denen die drei Einstellungen der Therapeutin de facto zusammen kommen – und das sind die Momente, in denen Veränderung auf Seiten der Klientin stattfinden kann. Wolfgang Keil (2008) meint, wenn die Therapeutin ihre Klientin immer unbedingt wertschätzen und empathisch verstehen kann, dann ist der Therapieprozess abgeschlossen!
Es ist für mich als Therapeutin äußerst befriedigend, wenn ich so einen Moment mit der Klientin gemeinsam erleben darf. Natürlich kann ich da sagen: jetzt habe ich gut gearbeitet. Aber das wäre zu wenig. Dieser Moment der Veränderung ist wie ein transzendenter Moment. Da sind wir zwei ganz nahe, wir teilen ein großes Geheimnis. Wie ist es doch schwierig, Worte dafür zu finden. Rogers beschreibt das so: „Es ist als vernehme man überirdische Musik, denn jenseits der unmittelbaren Botschaft, wie diese auch lauten mögen, ist das Universelle.“ (Rogers, 1981, S. 19). Doch glaube ich, dass genau dieses Gefühl erklärt, dass die Wichtige Andere in uns lebt und für unsere Ganzwerdung so bedeutend ist.
Ich möchte noch eine Situation aus der Praxis einer Kollegin schildern, um das bisher Gesagte zu verdeutlichen:
Der Klient, der schon seit längerer Zeit regelmäßig zur Therapie kommt und eine vertrauensvolle Beziehung zur Therapeutin hat, sagt: „Ihnen geht es heute aber gar nicht gut. Ich würde sie gern umarmen.“ Sie gewährt ihm das. Daraufhin sagt er: „Das hat mir jetzt sehr gut getan. Ich fühle mich seit langem wieder einmal wie ein Mensch.“
Diese Psychotherapeutin hat das Bedürfnis des Klienten, Liebe zu geben, erkannt und ernst genommen. Sie besitzt die Gabe, sich lieben zu lassen. Sie hat damit ihrem Klienten die Möglichkeit gegeben, sich als Wichtiger Anderer zu erleben. Und dadurch fühlt er sich wie ein Mensch.
Diese Geschichte berührt mich sehr.

4.3 Das Baby - die Mutter
„Wenn Persönlichkeitswachstum und eine Veränderung und Erweiterung des Selbstkonzeptes in einer personzentrierten Psychotherapie unter der Bedingung empathischen Verstanden Werdens bei unbedingter Wertschätzung und Kongruenz der Therapeutenperson erfolgen, dann muss auch die ursprüngliche Selbst-konzeptentwicklung an diese Bedingung geknüpft gewesen sein“ (Biermann-Ratjen, 1989, S. 123).
Ich möchte Biermann-Ratjens Aussage noch ergänzen: Wenn zur Ganzwerdung einer Person nötig ist, diese bei ihren Selbsterfahrungen so zu „sehen“, dass sie sich dabei unbedingt positiv beachtet und einfühlend verstanden fühlt, dann erlaube ich mir, mit dem Gedanken zu spielen, dass es für die günstige Entwicklung eines Babys auch notwendig ist, sich als “sehend“ zu erleben. Ich führe diese Gedanken hier ohne Anspruch auf theoretische Stringenz an, sozusagen im Wissen, dass das allenfalls nur eine Vorstufe zu dem ist, was sich erst später in einem tieferen und exakteren Sinn entfalten kann.

Rogers (1959/1987, S. 49) meint allgemein dazu:

 „[…Die Befriedigung des Bedürfnisses nach positiver Beachtung] ist wechselseitig: Erfährt ein Individuum sich selbst als jemanden, der das Bedürfnis nach positiver Beachtung eines anderen befriedigt, dann erfährt es notwendigerweise Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses nach positiver Beachtung. ... So ist die Befriedigung dieses Bedürfnisses in zweifacher Weise befriedigend: Es befriedigt das Bedürfnis nach positiver Beachtung beim anderen, und eben diese Befriedigung erlebt man selbst wieder als Befriedigung.“

Wenn ein Baby einem Erleben Ausdruck verleiht, wird es im positiven Fall von seiner Mutter oder einer anderen wichtigen Person gesehen und gespiegelt. Wenn es weint oder wenn es lacht, ist die Reaktion der Wichtigen Anderen dementsprechend. Der gespiegelte Ausdruck im Gesicht der Mutter ist eine ele-mentare Symbolisierung, auch wenn das noch nicht kognitiv verstanden werden kann. So kann das Kind die eigenen Erfahrungen im Gesicht des Gegenübers sehen, und damit beginnt der Aufbau seines Selbstkonzeptes. „It is possible to think of the mother’s face as the prototype of the glass mirror. In the mother’s face the baby sees him- or herself.” (Winnicott, 1987, S. 100; siehe auch Winnicott, 1964 – dieses Buch hat mich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr begleitet).
Für die Entwicklung des Selbst im Sinne der personzentrierten Theoriebildung ist ausschließlich der passive Aspekt der positiven Beachtung von Bedeutung. Das Bedürfnis nach aktiver Beachtung ist aber trotzdem von großer Bedeutung für das Individuum. Ich möchte das hier ein Stück weiterführen.
4.3.1 Das Bedürfnis positiv zu beachten
Wir können auch beobachten, dass ein Baby z.B. zurück lächelt, wenn es angelächelt wird, oder dass es weint, wenn es „böse“ angeschaut wird. Ein Neugebore-nes kann praktisch seit der Geburt mimischen und gestischen Ausdruck anderer Menschen ansatzweise imitieren. Außerdem ist es empfänglich für emotionale Ansteckung. Es beginnt z.B. zu weinen, wenn es einen anderen Säugling schreien hört. Stern erklärt diesen Umstand folgendermaßen: „Das ist mehr als nur eine Imitation, da die Seelenlage des anderen Babys gewissermaßen in das eigene Ich eindringt, um dort gefühlsmäßiges Verstehen hervorzurufen“ (Stern, 1990/1991, S. 67). Angelehnt an Authentic Movement könnten wir sagen, dass das Baby das andere bezeugt. Das Baby tritt gewissermaßen mit dem anderen in Beziehung, indem es in dessen Schreien mit einstimmt. Das ist ansatzweise vergleichbar mit der Zeugenschaft durch Gesten bei Authentic Movement, in der die Zeugin Bewegungen der Person, die sich bewegt hat, wiedergibt. Das Baby, das in der oben erwähnten Weise bezeugt, kann noch nicht wählen, Zeugenschaft zu geben oder nicht. Diese Fähigkeit wird sich erst mit der Zeit entwickeln.
Das Bedürfnis, positiv zu beachten, d.h. dem Bezeugten Ausdruck zu verleihen bzw. - in der Sprache des Authentic Movement - Zeugenschaft zu geben, wird ebenso wie das Bedürfnis, positiv beachtet zu werden, „dem gesamten Bewertungskomplex, den das Individuum mit [... der] anderen verbindet, unterlegt“ (Rogers, 1959/1987, S. 49). Zunächst wertet das Individuum organismisch danach, was sich gut anfühlt. Andererseits nimmt es auch die Reaktion der anderen wahr, und kann seinen Impuls danach korrigieren und eventuell das Bedürfnis der anderen dem eigenen Bedürfnis vorziehen. Das Bedürfnis, Zeugenschaft zu geben, ist daher demselben Spannungsfeld unterlegen wie das Bedürfnis nach positiver Selbstbeachtung.
Ein Beispiel:
Noah ist schon 3 ½ Jahre alt. Er bringt mich zum Bahnhof, ich muss wieder nach Wien. Immer fällt mir der Abschied schwer. Noah nimmt das wahr und sagt: „Ama, ich vermiss dich jetzt schon!“ Ich bin gerührt.
Was will Noah mir damit sagen? Ich glaube, er nimmt mich in meinem Abschiedsschmerz wahr und will mir sagen: „Ama, ich sehe, dass dir der Abschied schwer fällt!“ Er gibt seinem Bedürfnis, mich positiv zu beachten, Ausdruck. Ich fühle mich von ihm gesehen und berührt.
4.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Beziehungsfelder
In diesem Kapitel versuche ich die drei Grundhaltungen (Empathie, Kongruenz, unbedingte Wertschätzung; siehe Kapitel 4.2) der Personzentrierten Psychothe-rapeutin auch im Setting von Authentic Movement und in der Baby-Mutter-Beziehung herauszuheben.
Bei der Bewegungssequenz des Authentic Movement hat die Zeugin folgende Auf-gabe: sie soll ihre Augen auf die, die sich bewegt, richten, und ihre Aufmerksamkeit nach innen lenken. Sie schaut auf sich selbst, sie nimmt wahr, was in ihr selbst vorgeht. Sie „sieht“ die sich Bewegende nicht, nur deren Bewegungen. Auch die Bewegungen versucht sie nicht zu bewerten, zu deuten oder zu interpretieren. Wenn sie es doch tut, ist es ihr durch das Setting klarer, dass die Bewertungen, Deutungen oder Interpretationen mit ihr selbst und nicht mit der sich Bewegenden zu tun haben. (Vergleichbar ist die Überzeugung der Person-zentrierten Psychotherapeutin, nicht die Expertin für das Leben der Klientin zu sein.) Das Setting von Authentic Movement erleichtert also die unbedingte Wertschätzung gegenüber der Person, die sich bewegt. Empathie ist für die Zeugin in dieser Phase des Authentic Movement kein Thema. Die eigene Inkongruenz nimmt die Zeugin nach Möglichkeit wahr, aber Kongruenz in der Beziehung ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefragt.
Anschließend folgt der Gesprächsteil. Zunächst spricht die, die sich bewegt hat, über ihre Bewegung. Sie kann Zeugenschaft über ihre eigene Erfahrung geben. Dabei bezieht sie sich nach Möglichkeit auf ganz konkrete Bewegungen. Die Zeugin hört zu und versucht, die andere empathisch zu verstehen. Sie versucht gleichzeitig sich zu erinnern, was sie selbst dabei erlebt hat. Dabei ist die physische Realität der erwähnten Bewegung das Verbindungsglied und zugleich das trennende Element: Das nebeneinander Stellen der zwei Erfahrungen hilft, Kongruenz in der Beziehung zu schaffen. (Hiermit ist auch klar, warum die Zeugin ausdrücklich nur über die Bewegungen sprechen soll, die die andere auch erwähnt hat.)
Jetzt überprüft die Zeugin, ob sie das emotionale Erleben der anderen und von sich voneinander getrennt halten kann. Wenn ja, fragt sie die andere, ob sie Rückmeldung wünscht. Damit stellt sie die Erfahrung der Person, die sich bewegt hat, in den Vordergrund und drückt ihre unbedingte Wertschätzung aus.
Authentic Movement erlebe ich daher als eine Übung für die drei Grundhaltungen, da diese meiner Meinung nach durch das Setting deutlich getrennt sichtbar werden.

Bei Authentic Movement kennen wir drei Arten der Zeugenschaft:
1. Zeugenschaft in Gesten: die Zeugin spiegelt die Bewegungen der anderen Person nonverbal.
2. Verbale Zeugenschaft: nach der verbalen Selbstbezeugung der Person, die sich bewegt hat, wiederholt die Zeugin die Wörter, die ihr bedeutsam erscheinen („recall“).
3. Die Zeugin stellt der sich Bewegenden nach deren Selbstbezeugung das eigene Erleben zur Verfügung.
Alle drei Arten der Rückmeldung stellen auch eine Möglichkeit dar, wie eine Personzentrierte Psychotherapeutin ihrem empathischen Empfinden Ausdruck ver-leihen kann, wobei der dritte Punkt im Sinne des „Selbstöffnens“ vor allem dem Therapieprinzip Echtheit (Finke, 2004, S. 67) zuzuordnen ist.
Jobst Finke (2004) beschreibt, dass innerhalb eines Psychotherapieprozesses die Gewichtung der Grundhaltungen der Therapeutin unterschiedlich ist. Je nach Prozessphase der Klientin wird etwas anderes im Vordergrund stehen, um für eine Veränderung im Sinne der Erweiterung oder Reorganisation des Selbstkon-zeptes der Klientin hilfreich zu sein, und zwar
- die unbedingte Wertschätzung (als „Basis der Behandlungspraxis“; Finke, 2004, S. 22),
- das empathische Verstehen (sei es, indem es die Klientin „nur“ zu halten oder ihren Schmerz wortlos zu begleiten oder durch Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte dem empathischen Verstehen Aus-druck zu geben gilt),
- oder die Kongruenz der Therapeutin (die reale Begegnung zweier Personen, „Interaktion der Bezugssysteme“, Finke, 2004, S. 61).
Finke (2004, S. 27) hat für die therapeutische Beziehung formuliert, dass das Bedingungsfreie Akzeptieren in der Therapie eines jeden Patienten als Rahmen-bedingung unverzichtbar ist. So würde ich es auch für die Baby-Mutter-Beziehung sagen: Es ist für die Entwicklung eines Säuglings unverzichtbar, dass ihn die Mutter bedingungsfrei akzeptiert. Wie ich im vorangegangenen Kapitel schon beschrieben habe, ist auch das empathische Verstehen auf Seiten der Mutter unabdingbar für das Entstehen eines Selbstkonzeptes des heranwach-senden Menschen. Die Empathie ist wichtig dafür, die „Bedürfnisse“ des Säuglings zu erraten bzw. zu erschließen (hungrig, zu kalt/zu warm, Blähungen, ....), auf dass er sich im weiteren Entwicklungsprozess – aufgrund der adäquaten Antworten der wichtigen Bezugspersonen – selber besser verstehen kann. Die Kongruenz der Mutter in der Beziehung zu ihrem Baby ist insofern von Bedeutung, als das Kind aufgrund seines Bedürfnisses nach positiver Beachtung Bewertungsbedingungen der Mutter internalisiert. Vielfach sind diese nicht mit den organismischen Bewertungen des Babys ident. Das ist unvermeidbar, da es keine fully functioning mother gibt. Doch in einem großen Ausmaß kann sie für das Baby Wichtige Andere sein, und so die Fähigkeit des Kindes, sich sozusagen selbst Wichtige Andere zu sein, fördern. Das Erwachsenwerden sehe ich als vergleichbar mit dem erfolgreichen Abschluss einer Psychotherapie an.
Ein Beispiel aus meiner Praxis:
Die Klientin spricht fast die ganze Stunde über ihre kindlichen Unsicherheitsgefühle. Und schließlich befindet sie, dass diese Gefühle seit Beginn der Therapie stärker geworden sind. Ich reagiere zunächst mit einer intellektuellen Erklärung, die eindeutig nicht „ankommt“. Dann stelle ich ihr meine Zeugenschaft zur Verfügung, wie sie bei Authentic Movement üblich ist: „Es berührt mich sehr, dass das kleine unsichere Kind so viel Platz bekommt.“ Meine und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Das „kleine Kind in der Klientin“ ist erlebt und gesehen worden. Ich selbst erlebe mich als Wichtige Andere, indem ich meine Gefühle als Zeugin ihrer inneren Bewegung zur Verfügung gestellt habe. Ich habe das psychotherapeutische Setting in keiner Weise verlassen, im Gegenteil: Ich habe das Erleben am Rande ihres Gewahrseins erfasst und es verbalisiert. Dadurch war ich hilfreich für die Klientin, damit sie ihre Erfahrung symbolisieren konnte.
Hier kann ich sagen, dass ich gleichzeitig Zeugin und Psychotherapeutin war.
Auch die Mutter ist für ihr Kind eine Zeugin:
Ein Kind spielt ruhig alleine am Rande eines Pools. Da kommt die Mutter vorbei. „Schau, Mami, was ich kann!“ ruft das Kind und springt ins Wasser.
Die Nähe der Mutter, die Möglichkeit gesehen zu werden, ruft in diesem Kind Energien, Tatendrang, Lebenslust hervor. Die Wichtige Andere inspiriert zu neuen Erfahrungen.
Die Unterschiede der drei beschriebenen Beziehungskonstellationen liegen einerseits in den äußeren Umständen, wie die Personen zusammenkommen. Mut-ter und Kind hat die Natur verbunden; Klientin und Therapeutin bringt zu-nächst eine Dienstleistungssituation zusammen; sich Bewegende und Zeugin sind in der Regel peers auf der Suche nach gemeinsamen Erfahrungen. Anderer-seits sind auch die Aufgaben der Person, die sieht, andere. Die Therapeutin will die Klientin aus deren Bezugsrahmen heraus verstehen. Sie muss ihr eigenes Erleben wahrnehmen können, um in der Beziehung zur Klientin kongruent zu bleiben. Die Zeugin will ihr eigenes Erleben wahrnehmen. Dieses kann zufällig dem der sich Bewegenden nahe sein. Es ist nicht die Aufgabe der Zeugin, in den Bezugsrahmen der sich Bewegenden einzusteigen. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied. Die Aufgaben einer Mutter ihrem Kind gegenüber sind so umfassend, dass die Mutter immer wieder in das Verhalten des Kindes aktiv eingreifen muss, was dann mit einem veränderten Erleben einher geht. Solch direktives Verhalten ist sowohl von der Personzentrierten Psychotherapeutin als auch von der Zeugin im Authentic Movement nicht gefragt.
Doch die Funktion, die diese Paare bei der Integration von Selbsterfahrungen in das Selbstkonzept für einander einnehmen, ist meiner Meinung nach die gleiche.
Das Ziel aller drei Beziehungsformen ist die größtmögliche Selbstständigkeit. Befriedigung oder Versagung unbedingter positiver Beachtung sind Erfahrungen, die allmählich unabhängig von anderen Personen erlebt werden können. Es entwickelt sich das Bedürfnis nach Selbstbeachtung. „Das Individuum erlebt schließlich positive Beachtung oder den Verlust von positiver Beachtung unab-hängig von Austauschprozessen mit einem anderen. Es wird dadurch sozusagen sein eigenes Gegenüber.“ (Rogers, 1959/1987, S. 50). Sich selbst zu hundert Prozent Wichtige Andere zu sein, wäre eine Eigenschaft der fiktiven, idealisierten „fully functioning person“. Diese existiert nicht, doch die Vorstellung von ihr kann eine Führerin auf unserem Weg sein. Authentic Movement ist eine körperliche Übung, um auf diesem Weg fit zu bleiben!

5 Die Wichtige Andere

Mein Großvater hat immer gesagt: „Ratschläge sind nichts wert. Sonst würde sie keiner gratis verteilen.“ Irgendwie hat mein Großvater hiermit etwas Wesentliches erfasst: Wir wollen von anderen keine Lösungen für unsere Probleme. Effektive Lösungen müssen in uns selbst entstehen, sichtbar werden. Diese Lösungen sind oft ganz verdeckt von anderen Schichten. Diese wiederum sind sichtbar und müssen zunächst gesehen werden! Dann erst können sie aus dem Blickfeld gehen und Einsicht geben in tiefere Schichten unseres Selbst.
Aber warum geben wir so schnell Ratschläge? Warum ist es so schwierig, einfach da zu sein, nichts zu tun und die Situation auszuhalten? Haben wir Angst, uns von anderem Erleben wirklich berühren zu lassen?
Ein Baby mit Bauchweh kann oft „nur“ tröstend gehalten werden. Wer schon ein schreiendes Baby im Arm hatte, das nicht zu beruhigen ist, kennt das Wechselbad der Gefühle, dem man in so einer Situation ausgesetzt ist.
Eine Zeugin kann in die Bewegung der anderen nicht schützend eingreifen, wenn diese z. B. schnelle unkontrollierte Bewegungen macht. Ihre Aufgabe ist es wahrzunehmen, was in ihr selbst vorgeht. Vielleicht spürt die Zeugin Angst, dass sich die sich Bewegende verletzt. Das gilt es auszuhalten.
Jede Psychotherapeutin kennt Phasen ihrer Klientinnen, bei denen „nichts weiter geht“, wo das Gespräch sich immer um dasselbe dreht, wo das Gefühl „zu stecken“ beherrschend ist. Die Personzentrierte Psychotherapeutin muss in die Aktualisierungstendenz der Klientin und ihr Beziehungsangebot vertrauen – sie ist nicht die Expertin, sie weiß nicht, welcher Weg der Klientin weiter hilft. Verlockend ist es in so einer Situation, Ratschläge zu geben, schwierig im Vertrauen zu bleiben!
Wenn wir diese Freiheit, nichts tun zu müssen, erleben können und nur bei dem Gegenüber SEIN können, wenn wir also den Ausdruck einer anderen Person aus ihrem Bezugsrahmen heraus verstehen können (z.B. ihr Leid einfach mitfühlen können), dann sprechen wir von diesem Moment der Begegnung, wo Veränderung stattfinden kann. Es ist ein Moment für den nicht ein einziges Wort zutrifft. Es hat etwas mit besonderer Nähe, Geborgenheit, ja Liebe zu tun.
An dieser Stelle scheint es mir passend, Janet Adler, eine der großen Frauen im Authentic Movement zu zitieren:
“We want, deeply want, to be seen as we are by another. We want to be witnessed. Ultimately, we want to witness, to love, another”. (Adler, 1999, S. 158).
Wir wollen zutiefst, so wie wir sind, von anderen gesehen werden. Wir wollen bezeugt werden. Und letztlich wollen wir andere bezeugen, lieben.
“I long to be seen (narcissism)

	I feel seen (trust)
		I long to see myself (ego)
			I see myself (healthy ego)
				I long to see another (love)
					I see another (compassion)
						I see us both as one (union)”

(Adler, 1999, S. 154)

Ja, wir wollen andere sehen – das heißt unbedingt positiv beachten - , weil auch das – so meine These - ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen ist. Ich erinnere an das bereits angeführte Zitat Rogers: „Erfährt ein Individuum sich selbst als jemanden, der das Bedürfnis nach positiver Beachtung eines anderen befriedigt, dann erfährt es notwendigerweise Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses nach positiver Beachtung.“ (Rogers, 1959/1987, S. 49).
Rogers (1981) spricht über seine Befriedigung, andere zu hören. Er bezeichnet mit Hören dasselbe wie ich mit Sehen, nämlich „... das Aufnehmen seiner Worte, seiner Gedanken, seiner Gefühlsnuancen und deren persönlicher Bedeutung, ja sogar der Bedeutung, die unterhalb der bewussten Intention des Sprechers liegt.“ (S. 19). Er erlebt sich in so einer empathischen Verbindung zu anderen als Ganzes, vollständig. Es ist für ihn auch eine spirituelle Erfahrung: „... eine Genugtuung, sich in Kontakt mit der universellen Wahrheit zu fühlen.“ (Rogers, 1981, S. 19).
Claudia Hopfinger-Uhl (2007), eine Psychotherapeutin-Kollegin, beschreibt den Berührungsmoment so: „Und – lasse ich mich berühren, so bin ich ganz nahe an der eigenen Vergänglichkeit, damit an etwas Wesentlichem des Lebens.“
Es braucht ein Gleichgewicht zwischen Sehen und gesehen Werden - Lieben und geliebt Werden.
Die Wichtige Andere sieht, hört, liebt. Wir brauchen sie in uns und außerhalb. Die Qualität des unbedingten positiven Beachtens ist so grundlegend, dass sie wahrscheinlich in der Beziehung zwischen Mutter und Kind – beiderseits - im-mer verfügbar ist, also schon in der Schwangerschaft. Zu behaupten, ein Fötus könnte für die Mutter Wichtiger Anderer sein, ist gewagt und schwer überprüfbar. Tatsache ist aber, dass ich mich von meinen Babys schon während der Schwangerschaften gesehen fühlte. Ich projizierte die Wichtige Andere auf das Baby. Umgekehrt, nämlich, dass die Mutter für das Baby eine Wichtige Andere ist, kann im vegetativen Sinn nicht übersehen werden!
Wenn ich mich beim Authentic Movement bewege und ich einer anderen Person, die sich auch bewegt, begegne und sie in meine Geschichte einbeziehe, so ist das auch eine Projektion. Bewusste Projektionen sind ein Ausdruck der Wichtigen Anderen in mir: Ich bin mir selbst meine Wichtige Andere.
Ein Beispiel dafür:
Ich bin in meiner Bewegung mit einer anderen weiblichen Person in Körperkontakt. Sie umschlingt mich mit ihren Armen, ich lasse es zu. Da höre ich einen männlichen „Mover“ ganz in der Nähe. Ich versuche ihn mit meinen Armen zu ertasten. Es gelingt nicht. Es entsteht in mir das Bild von mir mit meiner Mutter, und ich erlebe die Unerreichbarkeit meines Vaters. Tiefe Trauer steigt in mir auf.
In dieser Trauer konnte ich mich selbst unbedingt positiv beachten. Auch die Mutter, die sich von ihrem Baby gesehen fühlt, ist sich in diesem Moment selbst Wichtige Andere.
Ein kleines Beispiel für die unbewusste Projektion wäre das Betrachten der Sendung „Seitenblicke“. Ich idealisiere die dort gezeigten Menschen und erhalte dabei ein verzerrtes Selbstkonzept, das mir sagt: “ich bin nicht schön“.
Diese Gedanken zum Phänomen der Projektion möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Ich glaube, es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Sie können vielleicht als Anregung für eine weitere Arbeit gelten.

6 Schlussworte

Nicht gesehen werden ist ein Schicksal, das alle Menschen mehr oder weniger teilen, denn niemand wird oder wurde immer gesehen. Wir alle müssen mit diesem Defizit umgehen, Beamtinnen, Künstlerinnen, Lehrerinnen, etc. Psychotherapeutinnen weisen berufsbedingt und aufgrund der intensiven Ausbildung ein hohes Maß an Reflexion darüber auf.
Für mich war und ist in meiner Ausbildung die große Herausforderung, mit mir selbst empathisch zu sein, „bei mir zu bleiben“, meine eigene Geschichte zu kennen. Ein Großteil der Ausbildung zur Personzentrierten Psychotherapeutin be-steht aus Selbsterfahrung. Meine Ausbildnerinnen stellten sich für mich als Wichtige Andere zur Verfügung. Mein Gefühl dazu ist und war immer, dass ich etwas übe. Dass ich übe, mir selbst Wichtige Andere zu sein, mich meiner eigenen Kongruenz zu nähern und empathisches Verstehen weiter zu entwickeln. Die Erfahrung als Zeugin beim Authentic Movement hilft mir sehr. Die Frage „Und was macht das mit mir?“, das Selbstbezeugen also, ist eine wertvolle Begleiterin in meinem Leben geworden.
Das Gefühl, nicht gesehen zu werden, ist mir ein sehr vertrautes. Als Psychotherapeutin erlebe ich, dass es vielen Klientinnen ähnlich geht. Einem Satz von mir wie „und da fühlst du dich einfach nicht gesehen“ folgen oft tiefe Seufzer, Tränen, „ja genau!“, usw. Es ist ein heilender Moment der Begegnung, wenn eine die andere sieht, wenn eine von der anderen gesehen wird.
Ich interpretiere die Befriedigung andere zu sehen als den sozialen Aspekt der Aktualisierungstendenz. Rogers nennt den Menschen „unheilbar sozial“. In dieser Arbeit versuchte ich zu zeigen, dass dies auch ein organismisches Bedürfnis und angeboren ist, so wie das Bedürfnis unbedingt positiv beachtet zu werden.
Eine weitere Ausgangsfrage, nämlich „Wie unterscheide ich mich als Zeugin beim Authentic Movement von der Psychotherapeutin und andererseits wiederum von der Privatperson Clarissa?“ beantworte ich dahingehend: Die Momente von „Sehen und gesehen werden“ sind in jeder Beziehung heilsam. Unterschiedlich sind die Anforderungen bzw. Aufgaben, die in den verschiedenen Rollen zu beachten sind.
Ich hoffe, für meine Leserin verständlich gewesen zu sein.
Danke.

7 Literatur

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Stern, D. N. (1991). Tagebuch eines Babys. München: Piper (Orig. erschienen 1990: Diary of a Baby. New York: Basic Books).
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Winnicott, D. W. (1987). Babies and their Mothers. Reading: Addison-Wesley.


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