Diskussion Zu Wien
Ich lade Euch ein, mit mir über Wien zu diskutieren :)
Wien – Stichworte für eine Stadt von A - Z
Ausstellungen, Bildung, Chancengleichheit, Dienstleistungen, Einbürgerung, Freizeit, Geschichte, Haustiere, Integration, Jazz, Kultur, Lebensqualität, Migration, Naturschutz, Oper, Psychiatrie, Quellwasser, Restitution, Stadtentwicklung, Tourismus, UNO, Verkehr, Wirtschaft, Xenophobie, Yuppies, Zuwanderung…
Wiener Veduten oder: mein Curriculum Vitae
Wien – die touristische Stadt
Aufgewachsen in Salzburg (1962-1980), der Stadt meiner Mutter, kannte ich Wien, die Stadt meines Vaters, viele Jahre nur als Besucherin: den Tiergarten Schönbrunn, den Prater, die Museen, das Schloss Schönbrunn, das Belvedere und das Burgtheater, den Wienerwald und das Gänsehäufel.
Wien – die soziale Stadt
Übersiedelt nach Wien, ins Ungargassenland Ingeborg Bachmanns, war manches vertraut und vieles neu zu erforschen: Die Ausbildung an der Akademie für Sozialarbeit und dem Institut für Heimerziehung der Stadt Wien (1980-1983) schärfte meinen Blick auf sozial-politische Fragestellungen, Probleme und Zusammenhänge: wie ermöglicht eine Stadt das konfliktfreie Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, welche Begleitmaßnahmen sind erforderlich zur Umsetzung von Konzepten adäquater sozial-medizinischer Versorgung bis hin zur „Einzelfallhilfe“.
Eine Konsequenz aus der damaligen Psychiatriereform, die Umsetzung des von Hans Hovorka/Institut für soziales Design entwickelten Konzeptes der gemeinwesenintegrierten Wohnformen von Menschen mit Behinderung, war meine erste berufliche Tätigkeit (Verein Jugend am Werk, 1984-1987): Die Betreuung und Begleitung von acht Menschen, die zuvor viele Jahre in großen Heimen bzw. Psychiatrischen Kliniken gelebt hatten. Wechselseitig eröffneten sich dabei Perspektiven auf die Stadt mit ihren Angeboten und Möglichkeiten: Die Vor- und Nachteile der amtlichen Kategorisierung als behinderter Mensch, die Un/Möglichkeit der Nutzung kultureller Angebote, die Möglichkeiten/Grenzen individueller Verhaltensweisen, aber auch die Erledigung alltäglicher Dinge als AnalphabetIn.
Wien – die Stadt internationaler Begegnung
Das Generalsekretariat des Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit (ÖKSA), einer Dachorganisation von sozialen Einrichtungen, war Drehscheibe für den Austausch zwischen den einzelnen Mitgliedern aber auch anderen Nationalkomitees auf europäischer und internationaler Ebene. Als Referentin für frauenspezifische Angelegenheiten, für Integrationsmaßnahmen von behinderten Menschen und für internationale Kooperation (1987-1993) koordinierte ich Arbeitskreise, Tagungen und Studienreisen in das als Tagungsort sehr geschätzte Wien.
Wien – die Stadt der Kundgebungen
Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und die Folgen der notwendigen Positionierung (1986-?) zum Umgang des damaligen Bundespräsidenten Waldheim mit seiner Kriegsvergangenheit bewirkten für mich zweierlei: Neue Perspektiven und Nutzungserfahrungen von Plätzen in der Wiener Innenstadt bei den sonntäglichen Kundgebungen am Graben rund um das Pferd des Republikanischen Clubs und den Beschluss, Geschichte – mit dem Schwerpunkt österreichische Zeitgeschichte – zu studieren.
Wien – die Universitätsstadt
Mit 30 inskribierte ich an der Alma Mater Rudolfina, lernte viele wissenschaftliche Arbeitstechniken, erwarb umfangreiches Wissen und entdeckte mit großer Ehrfurcht jahrhundertealte gelehrsame Orte des Wissens wie den Augustinerlesesaal. Meine Erfahrungen als „mittelalterliche“ Studentin (die Matura war lange her, die Pension noch weit weg) habe ich in dem Text ‚Ein akademisches Würfelspiel’ (www.claudia-spring.at) dargestellt. Viele Besuche in vielen (Wiener) Museen erweiterten mein Wissen, kreative Möglichkeiten der Wissensvermittlung faszinieren mich seit damals.
Wien – die zweitgrößte Stadt des NS-Staates
Schon während des Studiums (1993-1999) veränderte sich mein Blick auf Plätze, Straßen, Wohnhäuser, Amtshäuser, Kinos, Sportplätze, Bahnhöfe, Museen und Spitäler:
Das Amtshaus am Schottenring, wo fast 100.000 Anträge von Menschen archiviert sind, die nach 1945 Anträge auf so genannte „Wiedergutmachung“ der vielfältigen Folgen von NS- Verfolgung stellten – ihre oft vergeblichen Bemühungen um die ohnehin geringen Leistungen des so genannten Opferfürsorgegesetzes dokumentierte ich gemeinsam mit KollegInnen in einer empirischen Studie für die Österreichische Historikerkommission (1999-2003).
Die Kinos in Wien, wo antisemitische und antinatalistische Propagandafilme vor großem Publikum gezeigt wurden, zu deren Kontext und Rezeption ich gemeinsam mit einem Kollegen eine viersemestrige Filmreihe am Institut für Zeitgeschichte konzipierte und wissenschaftlich begleitete.
Das Praterstadion, wo im September 1939 440 von 1.000 jüdischen Häftlingen durch MitarbeiterInnen des Naturhistorischen Museums Wien anthropologisch untersucht und danach vom Westbahnhof in das KZ Buchenwald deportiert worden waren – der adäquate museale Umgang mit deren Fotos, Haarproben, Gipsmasken und Messbögen führte zu Fragen, auf die ich gemeinsam mit der Anthropologin Margit Berner, Kuratorin im NHM, und auch mit hinterbliebenen Angehörigen nach Antworten suchte. Ein interdisziplinäres FWF-Projekt (2001-2004), für das nicht nur meine wissenschaftliche, sondern auch meine soziale Ausbildung wichtig war.
Das Bezirksgericht Riemergasse und das Oberlandesgericht Wien, wo in der NS-Zeit mehr als 1.200 Zwangssterilisationen beschlossen worden waren – in mühevoller Kleinarbeit trug ich für meine Dissertation die Akten der Gerichte zusammen und beschrieb die Umsetzung des nationalsozialistischen „Erbgesundheitsgesetzes“ (2005-2008).
Die Krankenhäuser, wo in der NS-Zeit nicht nur Frauen und Männer zwangssterilisiert, sondern auch als homosexuell verfolgte Männer kastriert wurden, die, um der Todesstrafe zu entgehen, ihre „freiwillige Entmannung“ beantragt hatten.
Wien – eine Stadt mit historischer Hypothek
Nach dem Abschluss meines Doktoratsstudiums (2008) arbeitete ich in und zu einem von Gerhard Roth im „Inneren von Wien“ beschriebenen Ort: Dem Naturhistorischen Museum – im Auftrag der Kommission für Provenienzforschung Wien: Eine vielschichtige Herausforderung für eine Historikerin in einem naturwissenschaftlichen Umfeld. Seit 2015 forsche ich wieder in einem kulturwissenschaftlichen Umfeld, dem Österreichischen Museum für Volkskunde – einem Museum, das sich kritisch und verantwortlich mit seiner NS-Geschichte auseinandersetzt.